Zeiten ändern sich. Nachdem Jimi Hendrix 1967 beim Monterey Pop Festival seine Gitarre in Brand setzte, sollte Rock ’n’ Roll nicht mehr das gleiche sein. Als uns N.W.A. sagten „Fuck tha Police“, starteten sie damit eine Revolution, die eine ganze Generation formte. Ebenso haben punktuelle Entwicklungen von genialen Ingenieuren die Evolution unserer Bikes beeinflusst. Wird das neue Zerode Taniwha der Held sein, der eine neue Generation formt?

Zerode Taniwha | 6.199 £ | 15,20 kg | 160/160 mm

Bikes mit Getriebe sind nichts Neues, sie tauchen seit Jahren als Nebenakt auf Messen auf, ein exotischer Zusatz zu den bekannten Bikes. Wir bewundern sie, denken uns „An einem leichteren Bike wäre das cool“ und gehen weiter – Getriebe kamen bisher nicht so recht in die Gänge. Durch den Zugewinn an Übersetzungsbreite von erstklassigen 1-fach-Antrieben wie der SRAM Eagle-Gruppe schienen Getriebe dann langsam in Vergessenheit zu geraten.

Doch hier kommt das Taniwha, ein 15,2 kg schweres Carbon-Endurobike mit 160 mm Federweg, gebaut von einer kleinen neuseeländischen Bikeschmiede, das nicht nur die robuste Haltbarkeit des Pinion P1.12-Getriebes mit sich bringt, sondern auch eine Performance, wie wir sie an keinem „klassisch“ geschalteten Bike gesehen haben.

Das Zerode Taniwha im Detail

Federgabel: FOX 36 Float Factory
Dämpfer: FOX Float X / X2
Bremsen: SRAM Guide RSC 180 mm
Schaltung: Pinion P1.12-Gearbox
Sattelstütze: KS LEV Integra 150 mm
Vorbau: Burgtec Enduro 50 mm
Lenker: Burgtec Carbon Enduro 800 mm
Reifen: MAXXIS Minion DHF 2.35 EXO TR – 3C vorne/2C hinten
Laufräder: Hope Pro 4/WTB Frequency Team i25

Das Gefühl eines neuen Schaltwerks, jeden Tag
Die abgedichtete Pinion P1.12-Gearbox macht Schluss mit Schaltungseinstellungen, Ketten halten ganze Jahre statt Monate.
Getriebeschaltung
Zwar ist die Grip Shift-Schaltung präzise, beim Schalten mit dem Treten aufzuhören bremst aber den Vortrieb.
Ain’t no Mountain high enough
Das Zerode Taniwha hat eine Übersetzungsbreite von 600 %, mehr als jedes andere Bike auf dem Markt. Da ist kein Uphill zu steil.
Nichts für Große
Der Rahmen in Größe Large passte unserem 180 cm großen Tester perfekt. Wenn ihr größer seid, setzt euch unbedingt aufs Bike, bevor ihr es kauft.
Gewichtsverlust, wo es drauf ankommt
Zwar ist ein Getriebe schwerer als ein Schaltwerk, das Gewicht von der Hinterachse zu nehmen erhöht aber die Fahrwerksperformance enorm.

Ein Underdog mit Biss

Wenn es um Übersetzungsbreite geht, ist das P1.12 12-fach-Getriebe im Zerode Taniwha ungeschlagen: 600 % Übersetzung lassen die 1-fach-Antriebe im Staub zurück, sogar die mächtige Eagle. Klar ist das Getriebe schwerer, aber wenn man die 600 g Gewicht – bestehend aus Schaltwerk und Kassette – vom Hinterrad entfernt, kann das Fahrwerk schneller, leiser und kontrollierter reagieren.

Die Wegnahme von Gewicht an der ungefederten Hinterachse und die Verlagerung über das Tretlager sind absolut sinnvolle Schritte, da man dadurch den Schwerpunkt noch zentraler setzt und die Balance des Bikes verbessert. Genau wie die Stabilität, denn die Singlespeed-Nabe erlaubt ein robusteres Laufrad und eine perfekte Kettenlinie, um Belastung von der Kette zu nehmen. Das Taniwha hat einen guten Start hingelegt, bevor wir auch nur einmal die Pedale berührt hatten.

Auf der Enduro-Wunschliste kann die Geometrie des Taniwha alle Haken setzen: 65° aggressiver Lenkwinkel und 430 mm kurze Kettenstreben sind ein bewährtes Konzept. Vergleicht man es mit dem „Lang und tief“-Trend der letzten Jahre, ist das Taniwha vielleicht etwas konservativ. Bisher gibt es nur zwei Größen, Medium und Large. Unser Testrahmen in Large hat effektive 74,5° am Sitzwinkel, die sich in Kombination mit 445 mm Reach und dem 800 mm breiten Burgtec RideWide-Lenker eher wie ein großzügiges Medium anfühlen. Größere Fahrer werden auf das Bike in XL warten müssen, das unseren Informationen zufolge schon geplant ist.

Umarme die Magie des Voodoo!

Dieses Bike zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Im Stand durch die 12 Gänge zu schalten, leise und augenblicklich, ähnelt einem Voodoo-Zauber, die mechanische Präzision erinnert eher an Porsche als an Volkswagen. Gänge können mit dem Grip Shift-Griff einzeln oder komplett durchgeschaltet werden – Schalthebelfans sei gesagt, dass die Druck-Zug-Mechanik der Gearbox mit einem Schalthebel aktuell aber nicht funktioniert. Beim Fahren ist, anders als bei herkömmlichen Schaltungen, eine kurze Pause nötig, um den gewählten Gang lautlos einrasten zu lassen.

Unter Last reagiert der Schaltgriff nicht. Das fühlt sich anfangs ungewohnt an und man muss kurz überlegen, nach einigen Ausfahrten läuft es aber, auch wenn es nicht an die Intuition und Schnelligkeit eines gut eingestellten Schaltwerks herankommt. Bei matschigen Bedingungen geht die vollständig gekapselte Gearbox richtig ab und bietet präzise und butterweiche Performance, während herkömmliche Schaltungen vor Protest knirschen und knarzen.

Ein Getriebe stiehlt Kraft, oder?

Die einfache Physik lehrt uns, dass durch das Gewicht und die innere Reibung des Getriebes Kraft verloren geht – vor allem bergauf. Zwar ist das Zerode kein Favorit für Waldweg-Sprints, aber es fühlt sich nie träge an und geht steile Rampen zügig hoch, ohne sich von seinen Schaltwerksbrüdern aus der Ruhe bringen zu lassen. Der Widerstand wird durch die fixe Kettenlinie und den optimierten Anti-Squat mehr als wettgemacht, der es erlaubt, dem perfekt eingestellten Fahrwerk eine Uphill-Performance zu entlocken, bei der Fahrwerks-Nerds ihre Dämpferpumpen vollsabbern. Trotzdem spielt das Zerode Taniwha seine Superpower erst dann so richtig aus, wenn es bergab geht.

Befreie deinen Geist, befreie dein Fahrwerk

Von der sprichwörtlichen Last befreit, Kassette und Schaltwerk ausgleichen zu müssen, klebt das Fahrwerk am Boden wie Kaugummi in den Haaren. Spätes Bremsen, zerschossene Kurven und Gewaltritte durch Steinfelder sind genau das Richtige für das Taniwha. Elegant wie ein Eiskunstläufer gleitet ihr mit ihm durch Kurven, um wie ein Kind zu jubeln, wenn sie euch am Ende der Krümmung mit Vollgas wieder ausspucken – und all das völlig lautlos.

Kein Rasseln oder Klappern, es ist wie Zauberei. Wenn ein leises Bike ein schnelles ist, ist das Taniwha mit Überschall unterwegs. Der leichte Hinterbau arbeitet super feinfühlig und frisst jedes Hindernis, egal wie groß. Da der Schwerpunkt genau zwischen den Füßen liegt, ist das Taniwha Zerode in flowigen Kurven herrlich ausbalanciert. Die FOX FLOAT Factory 36-Federgabel und der FOX FLOAT X-Dämpfer arbeiten perfekt zusammen und machen das Bike zu einer Kurvenmaschine, ein Pitbull unter Dackeln. Dynamische Fahrer werden die verspielte und agile Art auf technischen Trails ohne Höchstgeschwindigkeiten lieben. Wer eher im Autobahn-Style mit Vollgas geradeaus unterwegs ist, wird sich ein etwas längeres Oberrohr wünschen.

Ist das Schaltwerk tot?

Getriebe bieten zweifelsohne Vorteile. Letztes Jahr verkündete SRAM, der Umwerfer sei tot. Ist es jetzt an der Zeit, das Schaltwerk ebenfalls zu beerdigen? Fast, aber vielleicht noch nicht ganz. Am Ende des Tests zeigte sich, dass das Getriebe sowohl die größte Stärke als auch die Achillessehne des Zerode Taniwha ist. Die eklatanten Vorteile des Fahrwerks sind unbestreitbar, das Bike ist fast lautlos und reaktiver als alles andere am Markt. Nur das Gewicht und der träge Grip Shift trüben das ansonsten überragende Bild.

Wer unkonventionell denkt und nach einem extrem leistungsstarken Bike sucht, das robuste Haltbarkeit mit Downhill-Performance verbindet, wird mit dem Zerode Taniwha und dem Pinion-Getriebe einen Volltreffer landen. Das zusätzliche Gewicht und der langsame Grip Shift-Griff hindern das Taniwha aber bisher noch daran, das Schaltwerk ganz abzuhängen.

Fazit

Das Zerode Taniwha ist ein potenzieller Allrounder, vor allem ist es aber ein Schritt in die richtige Designrichtung. Das träge Schalten macht es nicht zur Revolution, es ist aber nah dran. Das Taniwha ist ein Gladiator, der im Schatten der konventionellen Antriebe kämpfen muss. Auch wenn es keinen klaren Sieg erringt, muss man diesen Underdog doch lieben.

Stärken

  • wunderschöne Integration
  • unverbesserliche Fahrwerksperformance
  • robust

Schwächen

  • schaltet langsamer, als es fährt

Weitere Infos zum Bike findet ihr auf zerodebikes.com!

Text & Fotos: Trev Worsey