Wenn ein Kumpel dich heute fragt, wohin dein nächster Bike-Urlaub gehen soll, steht diese Stadt ganz sicher nicht auf deiner Liste: Rom. Dennoch lohnt es sich, nicht nur einen Reiseführer und frische Socken einzupacken, sondern auch das Bike mitzubringen und der ewigen Stadt einen Besuch abzustatten.

Zugegeben, das Meiste, was ich über Rom weiß, hat mir Dan Brown beigebracht. Mit seinen Büchern Illuminati, Sakrileg und Inferno fesselte er mich deutlich mehr als mein grauhaariger Geschichtslehrer mit der monotonen Stimme, dessen Unterrichtsstunden ich lediglich körperlich beigewohnt habe – gedanklich war ich bereits damals mit meinem Bike im Wald unterwegs. Ähnlich lethargisch sitze ich nach acht Stunden Autofahrt auf dem Beifahrersitz von Julians VW-Bus. Gemeinsam haben wir schon einige Bike-Trips unternommen, waren in Tschechien und Polen unterwegs und haben ein Wochenende mit E-Mountainbikes in den Stubaier Alpen verbracht. Diesmal führt es uns zusammen mit unserer Freundin Naima nach Rom – zum Biken, klar, aber auch um die einmaligen Bauwerke und das Nachtleben zu erkunden.

Der beste Guide ist kein klassischer Reiseführer

Wo gibt’s die besten Bars? Wer zaubert die beste Pizza? Fragen, die man sich am besten nicht von einem Reiseführer aus der Buchhandlung beantworten lässt. Wir wenden uns an unseren Kumpel Giulio. Er ist in Rom aufgewachsen, hat hier studiert, sein halbes Leben in der Stadt verbracht. Mittlerweile wohnt er nördlich von Verona, ist aber sofort begeistert, als wir ihm von unseren Reiseplänen erzählen.

Das haben wir uns gemütlicher vorgestellt

„Statt Waffen tragen sie Selfie-Sticks. Zielsicher nehmen sie die beeindruckende Kulisse hinter uns ins Visier und drücken ab.“

Regen prasselt gegen die Fensterscheibe, als wir nach einer sehr späten Ankunft am Vortag morgens in unserem Hotelzimmer aufwachen. Den Trip nach Rom haben wir uns anders vorgestellt, trockener, sonniger, italienischer eben. Rumheulen nützt nichts. Wir treffen Giulio in der Lobby – in Bikeklamotten. Statt auf den Trail geht es in den Großstadtdschungel. Wir rollen durch enge Häuserschluchten, vorbei an Gelati-Truhen und Regenschirmen. Das Kopfsteinpflaster hat hier ähnlich wenig Grip wie die nassen Wurzeln meiner Hometrails. Zurück in einer Autokolonne stellen wir fest: Der Verkehr ist chaotisch. Dicht an dicht drängen die Autos über die Straßen. Die Italiener beweisen eindrucksvoll, dass man auf zwei Fahrstreifen auch problemlos mit drei Autos nebeneinander fahren kann.

Cruisen, cruisen, cruisen

Wir nähern uns den ersten Sehenswürdigkeiten, dank des schlechten Wetters hält sich der Andrang in Grenzen. Entspannt passieren wir die Engelsburg und rollen weiter, am Tiber entlang, gelangen an einen Platz, wie er heißt? Ich weiß es nicht mehr. Woran ich mich aber erinnere, sind die unzähligen Japaner, die wie ein Polizei-Sonderkommando aus einem schwarzen Van stürzen. Statt Waffen tragen sie Selfie-Sticks. Zielsicher nehmen sie die beeindruckende Kulisse hinter uns ins Visier und drücken ab. Klick, klick, Duckface, Peace-Finger, klick, klick. Nach gefühlt 100 Bildern – pro Person, versteht sich – verschwinden sie ebenso schnell, wie sie gekommen sind. Wir bleiben zurück. Schauen uns leicht entgeistert an. Ist das die Art und Weise, eine Stadt zu erkunden? Indem man die Eindrücke nur gefiltert durch das Display des Smartphones wahrnimmt, auf dem man die Schärfe der Bilder überprüft? Unser Blick schweift in die Ferne. Wir unterhalten uns, Giulio erzählt uns ein wenig über die römische Geschichte, bevor wir wieder durchstarten. Wer nicht gerade Russisch Roulett spielen will, bleibt auf Nebenstraßen und folgt dem Radweg entlang des Tiber. Am beeindruckenden Kolosseum zücken auch wir die Smartphones, um unsere Freunde im kalten Deutschland neidisch zu machen und ein paar Likes zu sammeln.

Je ungemütlicher, desto besser

„Je kälter das Neonlicht ist und je ungemütlicher das Restaurant aussieht – desto besser ist die Küche.“

Ein positiver Nebeneffekt von „Bike-Reisen“ in Weltmetropolen ist, dass es neben etlichen Sehenswürdigkeiten auch ein sehr abwechslungsreiches Nachtleben zu entdecken gibt. Hier zeigt sich Giulio als echter Experte. Im Stadtteil Trastevere führt er uns zielsicher zu den besten Bars und Restaurants. Wer gutes Essen sucht, für den hab ich einen Tipp: Je kälter das Neonlicht ist und je ungemütlicher das Restaurant aussieht – desto besser ist die Küche. Dabei handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Studie, sondern eine absolut unwiderlegbare Erkenntnis, zu der wir nach etlichen Drinks am letzten Abend kommen.

Da war ja noch was

Ach ja, da war ja noch was: Der Grund unserer Reise bestand ja nicht nur darin, mit dem Rad durch die City zu cruisen, Sehenswürdigkeiten abzuchecken und die italienische Küche zu genießen – wobei das allein schon die Reise wert ist. Wir wollten auch ernsthaft Mountainbiken und dazu bietet Rom zwar nicht endlos viele Trails, aber mit dem Parco del Pineto im Nordosten der Stadt durchaus eine sehr gute Möglichkeit, um ein kleines, aber sehr feines Trail-Netzwerk zu erkunden. Ständig geht es auf und ab, das Fahren wird von kurzen Sprints und schnellen Antritten geprägt. Es folgen kurze, wenig technische Abfahrten. Mit steigender Geschwindigkeit steigt der Fahrspaß. Wer es eher gemütlich angehen mag, wird auch im Park rund um die Villa Pamphili Spaß haben und für einen längeren Bike-Tag lohnt sich eine rund 40-minütige Autofahrt zum Monte Cavo bei Castelli Romani. Hier findet sich ein weitläufiges Trailgebiet mit einigen äußerst spaßigen Strecken.

A long way home

Als wir an der Mautstation Sterzing 53,20 € für die Rückfahrt auf der italienischen Autobahn entrichten, kommen wir ins Grübeln. Hat sich der Aufwand gelohnt? War es die Mühen und die lange Reise wert? Schnell beginnen wir, die letzten Trips miteinander zu vergleichen. Die Natur in den Stubaier Alpen war deutlich geiler, die Trails im Osten wesentlich besser und dennoch, Rom hat uns gefesselt. Den Puls der Stadt mit dem Rad zu erfahren war grandios, das Nachtleben legendär. Ob wir wiederkommen? Hell yeah!

Wie kommt man hin?

Mit dem Auto dauert die Fahrt gefühlt ewig. Besser ist fliegen. Rom selbst hat zwei Flughäfen.

Wo gibt’s gutes Essen?

Wie bereits erwähnt, haben wir die Neonlicht-Theorie entwickelt. Wer auf Nummer sicher gehen will, stattet aber einfach der Pizzeria Ai Marmi oder dem Restaurant Da Felice einen Besuch ab. Aber Achtung: Letzteres ist extrem beliebt – reservieren lohnt sich.

Wo findet man die besten Trails?

Wie so oft ist Strava die Lösung. Im Parco del Pineto gibt es jedoch unzählige Varianten, hier kann man getrost einfach starten und findet garantiert einige coole Optionen.

Wann ist die beste Reisezeit?

Eigentlich ganzjährig. Am angenehmsten sind die Temperaturen von März bis November, wobei man die heißesten Wochen im Sommer besser meiden sollte.

Text & Fotos: Christoph Bayer

Über den Autor

Christoph Bayer

Abwechslung – das ist für Christoph das Wichtigste. Sowohl auf dem Bike als auch bei seiner Tätigkeit für ENDURO. Er kümmert sich federführend um das sechs Mal im Jahr erscheinende Magazin und ist dort gleichzeitig Fotograf und Redakteur. Auf dem Rad trifft man ihn vor allem im alpinen Terrain an, wo er neben flowigen Trails auch gerne mal eng verwinkelte oder verblockte Strecken in Angriff nimmt.