Zu Gast in der Kreativwerkstatt von FOCUS Bikes

Haftbefehl. Harter Hip-Hop schallt mir entgegen, als ich das Gebäude in der Böblingerstraße in Stuttgart betrete. Was von außen aussieht wie ein Coffee-Shop, ist das Entwicklungsbüro von FOCUS Bikes und damit die Ideenschmiede des Cloppenburger Konzerns

„Von Bikern für Biker“ ist vermutlich einer der meist gehörten Marketing-Slogans in der Bike-Industrie. Dicht gefolgt von „Made in Germany“, UK oder Canada. Beinahe jede Marke zeigt sich stolz auf ihre Herkunft, ihre enthusiastischen Mitarbeiter und letzten Endes natürlich auf die daraus resultierenden Produkte. Und Fakt ist, in den meisten Bike-Firmen stecken passionierte Mountainbiker. Das Problem: Da diese Begrifflichkeiten geradezu inflationär verwendet werden, verlieren sie ihre Wirkung und dadurch ihre Unterscheidungskraft. Und außerdem kann man vieles behaupten, man muss dieses Alleinstellunsmerkmal aber auch fühlen! Doch dazu später mehr.

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Nachdem Mike Kluge im Jahr 1993 als frischgebackener Cyclocross-Weltmeister begann, seine eigenen Räder zu bauen, wurde aus Leidenschaft FOCUS Bikes. Eine Marke, die in den folgenden Jahren rasant wuchs und nach einigen Umstrukturierungen in die Derby Cycles-Unternehmensgruppe integriert wurde, Standortwechsel nach Cloppenburg inklusive. Vor allem für die exzellenten Renn- und Cross-Räder bekannt, war es lange Zeit still um das Mountainbike-Segment von FOCUS. Doch seit zwei Jahren drehen die Cloppenburger ordentlich auf. Nicht nur die Musik im Kreativ-Büro in Stuttgart, sondern auch sportlich: Das erfolgreichste deutsche Enduro-Team, zahlreiche Titel und Worldcup-Podien auf der einen Seite, komplett neue Bike-Linien auf der anderen Seite.

Produktion im Norden

Insgesamt sechs Stunden sitzen Andi, Senior Brandmanager bei FOCUS, und ich gemeinsam im Auto, als wir von Stuttgart nach Cloppenburg fahren. Viel Zeit, sich kennenzulernen, sich auszutauschen und schon einmal etwas über die Firma zu erfahren.

Unser Rundgang vor Ort führt uns zu den verschiedenen Montagestationen und ich bin zugegebenermaßen erstaunt, wie viel bei FOCUS noch inhouse gefertigt wird. Von der Nachbereitung der frisch geschweißten Rahmen über die Lackierung, das Anbringen der Decals bis hin zur Laufradmontage und zum Zusammenbau sämtlicher Räder findet alles an dem einem Standort statt. Das schafft nicht nur Unabhängigkeit und einen größeren Handlungsspielraum, es ermöglicht auch eine konsequente Qualitätskontrolle. Von stichprobenartigen Kontrollen an sämtlichen Montage-Einheiten bis hin zu einem kompletten Prüflabor – FOCUS setzt auf Konsequenz. Das zeigt sich auch bei der konsequenten Einzelfertigung hochwertiger Bikes. „Ein Mitarbeiter, ein Bike“ lautet hier die Devise.

In den ehrwürdigen roten Backsteinhallen der ehemaligen Kalkhoff-Werke werden rund 500.000 Räder pro Jahr produziert. Das sind bis zu 3.500 Stück am Tag. Eine enorme Zahl, die aber nicht nur aus Bikes für FOCUS besteht, sondern auch für Kalkhoff, Raleigh und Rixe.

Wie aufstrebend FOCUS Bikes ist, zeigen nicht zuletzt diverse Renn-Siege
Wie aufstrebend FOCUS ist, zeigen nicht zuletzt diverse Renn-Siege

Entwicklung im Süden

Trotz der schieren Masse an Bikes, die FOCUS mittlerweile produziert, ist sie dennoch allgegenwärtig: die Identifikation mit dem Produkt. Das wird sofort klar, als ich wenige Tage später das Entwicklungsbüro in Stuttgart betrete. Deutschrap schallt aus den Boxen, dreckige Radschuhe stehen in der Ecke und die Putzfrau verzweifelt, nachdem mal wieder 10 eingeschlammte Bikes in den Keller getragen wurden. Hier ist die Entwicklungs- und Marketing-Abteilung von FOCUS Bikes mit insgesamt 16 Mitarbeitern beheimatet. Über zwei Etagen verteilt sitzen nahezu ausschließlich Bike-Enthusiasten, darunter unter anderem zwei Deutsche Meister im Cyclocross und Enduro. Auf den Schreibtischen liegen Bikehelme, über manchen Stühlen hängen die benutzten Regenjacke der letzten Tour und kurz vor der Mittagspause wird hier nicht diskutiert, ob man Döner oder Currywurst isst, sondern ob man mit den Cross Country- oder Endurobikes zum Lunchride aufbricht.
Sämtliche Bikes des Produktportfolios werden hier entwickelt und designt und zwar so, wie die Jungs sie selbst am liebsten fahren wollen. Bestes Beispiel: die grau-orangen Factory-Modelle, an denen noch zusammen mit den Produktmanagern die Spezifikation ganz nach den Wünschen der Mitarbeiter gestaltet wurde.

Immer den FOCUS nach vorne in der Entwicklungs- und Marketing-Abteilung
Immer den FOCUS nach vorne in der Entwicklungs- und Marketing-Abteilung
Bei FOCUS Bikes ist „von Bikern für Biker“ nicht nur eine Floskel
Bei FOCUS Bikes ist „von Bikern für Biker“ nicht nur eine Floskel
Im Herzen Stuttgarts ...
Im Herzen Stuttgarts …
... testet das Entwicklungsteam seine Bikes auch schon mal in der Frühstückspause
… testet das Entwicklungsteam seine Bikes auch schon mal in der Frühstückspause

Was Facebook und Google nicht schaffen

Kreative Köpfe langfristig zu halten – das schaffen nicht einmal Google oder Facebook. Sie sind das wahre Kapital jedes Konzerns und werden meist mit großen Gehaltschecks und tollen Status-Symbolen zu locken versucht. Aber das bietet nur kurzfristigen Erfolg.

FOCUS Bikes produziert in Cloppenburg ...
Produziert in Cloppenburg …

Gute Bikes konstruieren und kommunizieren kann nur, wer die Bedürfnisse des Markts kennt und mit Feuer und Flamme dabei ist. Diese Bike-Entwickler, -Designer und -Marketer sind Kreative, Idealisten, Kaffee-Hipster, Bierliebhaber und per se ein meist geselliges Volk. Aber wie bindet man begeisterte Mountainbiker und Kreative langfristig an sich? Sicher nicht nur über üppige Gehaltschecks. Kreative sehnen sich vor allem nach einem: Freiheit. Und dazu gehört auch das richtige Umfeld – für die Arbeit und die Lebensqualität. Eine Feierabendrunde, coole Bars und ein breites Kulturangebot zieht dieser Typ Mensch bei seiner Jobwahl heute genauso in Betracht wie die Kollegen, mit denen er tagtäglich zusammenarbeitet. Das hat auch FOCUS Bikes erkannt und kurzerhand das Marketing sowie die Entwicklungsabteilung von Cloppenburg nach Stuttgart ausgelagert.

... müssen sich die Bikes von FOCUS auch auf Stuttgarter Terrain beweisen.
… müssen sich die Bikes von FOCUS auch auf Stuttgarter Terrain beweisen.

In Zeiten digitaler Kommunikationsmittel ist die räumliche Trennung einzelner Abteilungen kein Problem, sondern vielmehr eine große Chance: Für die kreativen Jungs von FOCUS bedeutet das ein offenes und entspanntes Arbeitsklima, Trails zum Testen neuster Prototypen direkt vor der Haustür und ein vielfältiges kulturelles Angebot.

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Freiheit wird hier groß geschrieben und genau das ist es, was die Mitarbeiter suchen und was FOCUS so stark macht: Motivation, Einsatzbereitschaft und Teamspirit. Organisiertes Chaos, das ist es, was es dafür braucht. Und der Erfolg gibt ihnen Recht: Mit den nötigen Ressourcen in der Hinterhand ist es FOCUS gelungen, sich innerhalb kurzer Zeit auf beeindruckende Weise zu wandeln. Nach der Einführung des populären FOCUS SAM-Endurobikes existiert mittlerweile bereits eine komplette Modellpalette aus Alu- und Carbonrädern mit verschiedenen Federwegen, und das soll erst der Anfang sein. Das sieht man daran, dass die Cloppenburger Firma einen weiteren Standortwechsel plant. Denn das Team des Stuttgarter Entwicklungsbüros wächst rasant an und die Räumlichkeiten platzen schon bald aus allen Nähten. Diverse Standorte innerhalb Stuttgarts sind im Gespräch. Bleibt zu hoffen, dass das neue Büro den gleichen Charme für seine Mitarbeiter hat – als Basis für langfristigen Erfolg.

Weitere Informationen zu FOCUS Bikes: focus-bikes.com

Text und Bilder: Christoph Bayer

Über den Autor

Christoph Bayer

Abwechslung – das ist für Christoph das Wichtigste. Sowohl auf dem Bike als auch bei seiner Tätigkeit für ENDURO. Er kümmert sich federführend um das sechs Mal im Jahr erscheinende Magazin und ist dort gleichzeitig Fotograf und Redakteur. Auf dem Rad trifft man ihn vor allem im alpinen Terrain an, wo er neben flowigen Trails auch gerne mal eng verwinkelte oder verblockte Strecken in Angriff nimmt.