Genau wie sich unser Sport weiterentwickelt, entwickelt sich auch die Geometrie der Bikes weiter. Das Mantra der Hersteller scheint zu sein: „Länger, tiefer, flacher!“ Aber was bedeutet „lang, tief und flach“ eigentlich in dieser Zeit der sich verschiebenden Standards und extremen Geometrien? Gibt es einen neuen Status quo bei Bikegrößen?

Die Zeiten, in denen man die Größe jedes Bikes wie bei einem Rennrad alleine aufgrund der Körpergröße ausgewählt hat, sind vorbei. Die neue Bikegeneration hat spielentscheidende Veränderungen bei den Größen miterlebt und 170-mm-Teleskopsattelstützen tun ihr Übriges, damit Designer nicht möglichst viele Beinlängen in eine Rahmengröße packen müssen.

Gibt es einen neuen Status quo bei Bikegrößen?

Als Beispiel: Das Santa Cruz Nomad der neuesten Generation wurde vor Kurzem unter tosendem Beifall der Bikepresse vorgestellt und mal wieder hörten wir den bekannten Gesang um „länger, tiefer, flacher“, zusammen mit anderen beliebten Schlagwörtern der Branche. Aber stimmt das alles? Sicher, im Vergleich zu seinem Vorgänger ist der Lenkwinkel 0,4° flacher, das Bike ist 20 mm länger und hat eine wahrscheinlich lebensverändernde Absenkung des Tretlagers um 1 mm erfahren. Aber was ist, wenn wir es mit der direkten Konkurrenz vergleichen? Bleibt es dann lang, tief und flach?

Wir haben 62 der aktuellsten Bikes auf dem Markt analysiert, von Trailbikes zu reinrassigen Enduro-Race-Maschinen.

Wir haben 62 der aktuellsten Bikes auf dem Markt in Größe L miteinander verglichen, um herauszufinden, was der Status quo ist, wenn man sich auf harte Zahlen beschränkt.

Der neue Status quo bei 27,5″-Trailbikes

Ein Trailbike sollte genau das sein, ein Bike für alle Trails – ein Mountainbike, wenn man so will. Gleichbleibend in der Performance, egal ob es bergauf oder bergab geht, egal wie weit man fährt, wie technisch oder steil es wird.

Ein Trailbike muss überall Spaß machen, es soll uns auf jedem Trail für den Aufstieg belohnen und dem Fahrer Sicherheit geben.

Betrachtet man die Geometrie der 21 Trailbikes in Größe L, hat das durchschnittliche Trailbike etwas weniger als 140 mm Federweg, 455 mm Reach, einen Lenkwinkel von 66,7° und einen Sitzwinkel von 74° bei einem Radstand von 1.186,89 mm und 430,83 mm langen Kettenstreben.

Der Reach unterscheidet sich um bis zu 78 mm zwischen dem kurzen Yeti SB5 mit 432 mm und dem lang gestreckten Pole EVOLINK 130 mit 510 mm. Beim Radstand liegen 120 mm zwischen dem kürzesten Bike, dem Ibis Mojo 3 mit 1.158 mm, und dem längstem, dem Pole EVOLINK 130 mit 1.278 mm.

Es gibt inzwischen viele Bikes, die eine extreme Geometrie haben – was ist da eigentlich noch normal?

Das Trailbike, das am nächsten an diesen neuen Standard bzw. an den hier errechneten Durchschnitt herankommt, ist das ROSE GRANITE CHIEF. Es ist, zumindest auf dem Papier, der perfekte Allrounder für jedermann.

Der neue Status quo bei 27,5″-Endurobikes

Beim Design neuer Endurobikes liegt das Augenmerk nicht zuletzt auf dem Podium, denn Endurorennen sind im Vergleich zum Downhill deutlich attraktiver geworden. Die Bikes müssen dabei bei Mach 10 stabil bleiben und genügend Grip für steile, wurzelige und technische Abfahrten generieren. Und dabei sollen sie auch noch kletterfreudig genug sein, um selbst lange Transfers zur nächsten Stage problemlos zu meistern.

Ein gutes Enduro muss sowohl auf den Hometrails als auch im Kampf gegen die Uhr glänzen.

Es überrascht nicht wirklich, dass die Enduros mit 160,5 mm in dieser Analyse am meisten Federweg haben. Nur vier Bikes von 24 bleiben unter 160 mm Federweg. Der durchschnittliche Reach liegt bei 458 mm, mit einer Bandbreite von 70 mm zwischen den 432 mm des Devinci Spartan und den 502 mm des NICOLAI GeoMetron.

Enduros haben 160 mm Federweg, um jeden Trail auch bei härtesten Bedingungen meistern zu können.

In Sachen Lenkwinkel sind die Enduros mit 65,5° wie erwartet flacher als die Trailbikes, der Sitzwinkel bleibt bei 74°. Die Kettenstreben sind mit 431,5 mm etwas länger, wodurch sich Laufruhe und das Fahrergewicht auf der Front leicht erhöhen, um einen aggressiveren Fahrstil zu ermöglichen. Der durchschnittliche Radstand erhöht sich im Vergleich zu den Trailbikes um 23,89 mm auf 1.210,8 mm. Dabei ist das Radon Slide mit 1.181 mm am kürzesten, das NICOLAI mit 1.288 mm am längsten. Das sind 107 mm Unterschied, die meisten Bikes liegen aber nur etwa 20 mm um den Durchschnitt.

Für 27,5″-Enduros manifestiert sich der neue Status quo im Santa Cruz Nomad der vierten Generation und dem Giant Reign Advanced.

Der neue Status quo bei 29″-Endurobikes

Die neueste Generation der raceorientierten 29er-Enduros ändert, mal wieder, alles. Unsere Analyse bestätigt einige der Vorteile von 29ern: Sie haben – wenig überraschend – die längsten Kettenstreben bei einem Durchschnitt von 440 mm und mit 66,7° einen leicht steileren Lenkwinkel. Der Sitzwinkel bleibt auch bei dieser dritten Plattform unverändert bei 74°.

Bei den 29ern gab es gewaltige Veränderungen, sie wurden aggressiver und schneller – ist das die Zukunft?

Das größte Vorurteil, 29er hätten den längsten Radstand, ist dank unserer Analyse passé: Der Durchschnitt liegt mit 1.194,47 mm ganze 16,31 mm unter dem Durchschnitt der „kleineren“ 27,5″-Enduros. Das Evil Following ist dabei mit 1.163 mm das kürzeste Bike, das Pole EVOLINK 140 mit 1.284 mm das längste. Insgesamt weichen die Bikes aber keine 10 mm vom Schnitt ab.

Die Schlussfolgerung, dass ein langer Radstand auch einen langen Reach bedeutet, ist ebenfalls falsch, denn mit 450 mm im Durchschnitt besitzen die 29er den kürzesten Reach! Auch hier ist das Evil mit 439 mm das kürzeste und das Pole mit 510 mm das längste Bike – 71 mm trennen die beiden.

Durchschnitt auf dem Papier, aber könnte man das Santa Cruz Hightower jemals als durchschnittlich bezeichnen?

Das Santa Cruz Hightower kommt dem neuen Status quo bei den 29ern am nächsten und ist ein hervorragendes Beispiel für die neue Generation der 29″-Enduros.

Was ist heutzutage also kurz, medium oder lang?

Nachdem wir die Daten zusammengetragen haben, bleibt die Frage, was das für die Bikegrößen bedeutet. Ist alles nur Marketing oder haben sich unsere Bikes tatsächlich verändert?

Lang?
Dank unserer Analyse über alle Plattformen können wir unsere Bikes jetzt in vier Größen einteilen: Bikes, die sich um den Durchschnitt von 1.197,38 mm Radstand tummeln, sind der neue Status quo. Bikes, deren Radstand deutlich unter 1.182 mm liegt, sind „kurz“, Bikes zwischen 1.213 mm und 1.223 mm sind lang und ab 1.223 mm wird es richtig lang, egal welche Laufradgröße sich am Bike findet.

Reach?
Das Gleiche gilt auch für den Reach. Unter 440 mm hat man ein kurzes Bike, 455 mm sind der neue Durchschnitt und somit auch alle Bikes, die im Bereich von 15 mm um diesen Wert liegen. Ein Bike mit 470 bis 500 mm fällt in die Kategorie „lang“ und ab 500 mm geht es so richtig auf die Langstrecke!

Flach?
Der durchschnittliche Lenkwinkel liegt bei 66,44°, also sind 66° der neue Status quo. Weniger als 66° sind dementsprechend flach, mehr als 67° sind steil und stehen damit für ein agileres Bike.

Wie definiert man „normal“?

Als Kunden haben wir vor allem ein Problem: Welche Größe brauche ich denn nun? Die Menge an verschiedenen Geometrien, die sogar einen NASA-Offizier hilflos dastehen lassen, und Marketing-Maschinerien, die uns den neuesten Carbonzauber andrehen wollen, machen den Kauf des richtigen Bikes zum Staatsakt.

Man sollte sich also fragen, ob man wirklich den letzten Schrei im Enduro-Racing sein Eigen nennen muss. Wenn man hauptsächlich auf Flowtrails unterwegs ist – braucht man da einen Radstand, der sich über mehrere Zeitzonen erstreckt, oder den Lenkwinkel eines Downhillers? Oder wäre ein agiles Bike nicht sinnvoller? Oder seid ihr doch eher der KOM-Jäger oder Wochenend-Racer, dem ein schnelles Racebike am besten passt, um die Konkurrenz in die Schranken zu verweisen? Kauft euch kein Bike, weil es euch alleine aufgrund eurer Körpergröße empfohlen wird. Letztlich und vor allem geht es ums Gefühl, also macht euch auf und testet die Objekte eurer Begierde!

Text: Tom Corfield Fotos: Trev Worsey