Glaubt man den Diskussionen in den sozialen Medien und den verschiedenen Foren, sind neue Standards, Reifengrößen, Geometrien & Co. absolut überflüssig. Was aber wäre, wenn sich die Bikes in den letzten Jahren nicht weiterentwickelt hätten? Wäre die Bike-Welt dann eine bessere?

16 Jahre sind bereits vergangen, seit wir in der Millennium-Nacht haarscharf einem gigantischen Computer-Crash entgangen sind und ins neue Jahrtausendgefeiert haben. 16 Jahre, in denen sich einiges verändert hat. Aus klobigen Telefonen wurden Smartphones, aus monströsen Röhrenfernsehern schlanke Flatscreens, nur Mountainbikes blieben Mountainbikes. Oder etwa nicht?

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Zugegeben, mancher Laie, den wir gefragt haben, konnte zwischen den beiden Rädern dieses Tests kaum einen Unterschied feststellen. Beide sind vollgefedert, beide besitzen Scheibenbremsen, beide haben den gleichen Einsatzbereich, beide sind von der gleichen Marke – und doch trennen sie Welten.

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Dieser Test war für uns eine Reise in eine Zeit, in der Mountainbiker noch echte Helden waren. In der es angesagt war, mit hautengen Anzügen, mit pelzbesetzt Motocross-Kombis oder mit abgeschnittenen Army-Hosen durch den Wald zu heizen.

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Was wir gemacht haben? Wir haben ein SCOTT Octane aus dem Jahre 2000 mit einem nagelneuen SCOTT Genius LT Plus verglichen. Das Octane war damals eine echte Ikone und hat für so manche plattgedrückte Nase an den Scheiben der Bikeshops gesorgt. Sein voluminöser Aluminiumrahmen mit geschraubtem Steuerrohr, die keramikbeschichteten Mavic-Felgen oder die 120 mm lange Manitou-Federgabel – alles echte Highlights.

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„Freeriding am Limit. Speed bis zum Abwinken. Das brandneue Octane wurde so ausgelegt, dass selbst die hartgekochtesten Freerider ihre Grenzen neu ausloten können.“ – Der Werbeslogan zum Octane im Jahr 2000.

Die größten Veränderungen der letzten 16 Jahre

In den 16 Jahren, die zwischen den beiden Bikes liegen, ist einiges passiert. Neue Laufradgrößen wurden etabliert, andere sind vom Markt verschwunden. Die Federwege sind gewachsen, Geometrien wurden überarbeitetet und wirklich jedes Bauteil wurde ersetzt. Hier nun die Veränderungen im Detail:

Der Rahmen

Neue Materialien, neue Möglichkeiten: In den letzten 16 Jahren hat sich das Design verändert, das Gewicht ist gesunken, die Steifigkeit wurde erhöht. Züge verlaufen jetzt intern und sorgen für eine cleane Optik.

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Die Geometrie

Die Räder sind gewachsen, Oberrohre wurden länger, der Lenkwinkel flacher und Kettenstreben kürzer. Dank eines abgesenkten Tretlagers und eines erhöhten Stacks steht man als Fahrer deutlich besser im Bike integriert. Klickt auf das Bild um zwischen den Bikes umzuschalten.

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Das Fahrwerk

Im Laufe der Jahre wurde nicht nur der Federweg immer länger – die gesamte Federgabel wurde in ihrer Performance deutlich verbessert. Eine höhere Steifigkeit, eine effektivere Dämpfung und ein besseres Ansprechverhalten sorgen für gravierende Unterschiede. Am Heck arbeiten jetzt Luftdämpfer mit Plattformdämpfungen, die Uphills ihren Schrecken nehmen und bergab Schläge feinfühlig aufsaugen.

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Das Cockpit

Lang und schmal vs. kurz und breit: Moderne Cockpits verleihen ein deutliches Plus an Fahrsicherheit und Kontrolle. Vor 16 Jahren fuhr man einen 100-mm-Vorbau mit 620 mm breitem Lenker. Heute ist der Vorbau 50 mm lang und der Lenker 780 mm breit.

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Die Schaltung

Weniger ist mehr! Sagenhafte 27 Gänge besitzt unser historisches Octane. Im Gelände dauerte es oft eine gefühlte Ewigkeit, bis man den richtigen gewählt hatte. Moderne 1×11-Antriebe besitzen ausreichend Bandbreite und machen Schalten intuitiver, schneller und sicherer. Weniger Kettenverluste, weniger Überschneidungen, weniger Lärm, mehr Spaß!

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Die Bremsen

Bremsen haben eine Aufgabe: das Rad zu verzögern. Das tun sie immer kraftvoller und besser dosierbar. Das Octane besitzt bereits Scheibenbremsen – damals eine echte Revolution. An ihnen mussten die Beläge bei Verschleiß noch manuell nachgestellt werden.

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Die Reifen

An den Reifen hat sich nicht nur der Umfang verändert, auch die Breite, die Gummimischung und der Aufbau der Karkasse sind grundlegend neu. Mehr Grip, bessere Dämpfung und eine höhere Traktion sowohl bergauf als auch bergab sind die Folge.

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„Das Octane war zum damaligen Zeitpunkt das Maß der Dinge und kostete stolze 5.499 DM.“

So viel zu den theoretischen Unterschieden, doch wie krass wirken sich die Entwicklungen in der Praxis aus? Auf verschiedenen Trails sind wir beide Bikes im direkten Vergleich gefahren. Und waren echt überrascht, wie gravierend die Unterschiede tatsächlich sind. Dabei verließen wir uns nicht nur auf unser Fahrgefühl, sondern haben auch die Zeitmaschine angeworfen: Die Zeiten sprechen für sich!

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Das moderne Plus-Bike ist bergauf 19 % schneller

Zuerst ging es mit dem Plus-Bike auf einen unserer bekannten Test-Tracks. Trotz feuchter Streckenverhältnisse stellten weder nasse Wurzeln noch ein stellenweise aufgeweichter Boden in der rund 20 % steilen Steigung ein Problem dar. Linie anvisieren, in die Pedale treten und ab geht’s! Der Oberkörper blieb dabei entspannt, ganz anders als bei der Runde mit dem Octane. Hier waren wir viel stärker damit beschäftigt, überhaupt die Linie halten zu können. Das gesamte Rad flexte spürbar und Traktion musste mit enormer Körperspannung erkämpft werden. Oben angekommen, genügte beim Genius LT Plus ein Knopfdruck auf den Verstellhebel und der Sattel konnte wie gewohnt abgesenkt werden – wir vermissen die Zeiten vor den Teleskopsattelstützen kein bisschen.

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In der Abfahrt wurden die Unterschiede noch deutlicher

Rund 30 % waren die verschiedenen Tester mit dem Genius LT Plus jeweils schneller. Und nicht nur das: Sie hatten auch viel mehr Spaß! Die Fahrt auf dem Octane glich einem Rodeo-Ritt. Eine Dämpfung am Fahrwerk war schlichtweg kaum vorhanden. Als Fahrer kämpfte man um Kontrolle, war voll auf die Linienwahl fokussiert. Man fühlte sich wie ein Cowboy auf einem Zuchtbullen, der gerade ein rotes Tuch entdeckt hat. Und das nicht nur, weil der monströse Sattel stark an den eines Pferdes erinnert. Die hauptsächlichen Ursachen sind eher der tiefe Stack, das hohe Tretlager und das schmale Cockpit. Ganz anders die Lage beim Genius LT Plus: Gewohnt souverän meisterte man mit ihm auch die verblocktesten Abschnitte, zog Manuals oder übersprang Hindernisse einfach. Dieses Bike vermittelt Fahrspaß und nicht das Gefühl ständiger Todesangst, sobald man die Bremse einmal offen lässt.

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Größe Scott Octane Scott Genius LT Plus
Reach 440 mm 437 mm
Stack 510 mm 627 mm
Radstand 1.125 mm 1.219 mm
Steuerrohrwinkel 67,5°–69,5° 65,8°–66,3°
Sitzrohrwinkel 74° 74°
Kettenstreben 435 mm 448 mm
Oberrohrlänge 540 mm 620 mm

Und was ist das Ergebnis unseres Tests?

Zugegeben, dass das moderne Genius LT Plus dem alten Octane überlegen sein würde, hatten wir von Anfang an nie bezweifelt. Wie dramatisch jedoch der Unterschied war, darüber waren auch wir überrascht. Zwischen diesen Bikes liegen Welten und 16 Jahre, in denen sich in der Bike-Industrie einiges getan hat. Neue Standards kamen, eine Reifengröße ging und viel wurde dabei in sozialen Netzwerken über manche Details diskutiert. Am Ende resultierten jedoch fast alle dieser kritisch beäugten Neuerungen in einem Ergebnis: mehr Fahrspaß! Und das hat dieser Vergleich eindrucksvoll gezeigt. #openyourmind

Text & Fotos: Christoph Bayer

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Christoph Bayer