Diese Beziehung ist noch sehr frisch und wir finden immer noch viel Neues über uns heraus. Ich möchte also keine voreiligen Schlüsse ziehen und wie der Verliebte erscheinen, der die große Liebe entdeckt haben will, bis er herausfindet, dass sie schnarcht wie ein Dockarbeiter. Wird diese Geometrie für mich im Alltag funktionieren? Nur die Zeit wird es zeigen.

Man soll ein Buch ja nicht nach seinem Einband beurteilen, aber wer liest ein Buch, wenn der Einband langweilig ist? Das Pole sieht auf keinen Fall langweilig aus, es ist nicht vergleichbar mit irgendetwas, das ich bisher gefahren bin. Beim Aufbau habe ich mir Sorgen gemacht, dass es sich seltsam anfühlen könnte – immerhin ist es so lang, dass ich nicht mal den Schaltzug kürzen musste! Sobald ich aber aufstieg, fühlte sich alles sehr ausbalanciert an. Natürlich ist es elendig lang, länger als das meiste auf dem Markt, der steile Sitzwinkel macht das Gesamtkonzept aber natürlich und bequem. 456 mm Kettenstrebe lassen einen spüren, dass noch mehr Fahrrad hinter einem ist, aber der Effekt ist nicht, was ich erwartet hatte.

Der steile Sitzwinkel und der bequeme Reach führen zu gripreichen Anstiegen.

Klettern

Ich muss gestehen, dass ich hinsichtlich der Anstiege etwas pessimistisch war und damit gerechnet habe, dass sich das Pole so schnell hochschießen würde wie ein Fisch auf dem Trockenen. Aber ich hätte mich nicht sorgen sollen, denn die zentrale Sitzposition und die langen Kettenstreben halten viel Fahrergewicht über der Front und die Front wird nur selten unruhig, trotz des mit 51 mm entspannten Offsets der Öhlins-Gabel. Auch der 77,5° steile Sitzwinkel fühlt sich unter Krafteinwirkung brutal effizient an. Man sitzt hoch über dem Innenlager statt am Heck des Bikes und es fühlt sich an, als ginge alle Kraft in den Vortrieb, als statt wie sonst das Bike den Berg „hochzuschieben“. Der lange Radstand scheint ebenfalls den Grip zu unterstützen und erste Tests zeigten, dass man auch ungemütliches Terrain mit Leichtigkeit hoch zuckelt. Die Physik gebietet, dass 1.314 mm Radstand bei Aufwärtskurven mehr Platz brauchen, aber das beeinflusst meine Fahrweise kaum, von daher – sollen sie.

Steil und tief, das wird das Bike dieses Jahr noch öfter zu sehen bekommen.
Traue ich mich, so schnell zu fahren, wie das Pole anscheinend möchte? Zumindest die Stürze werden schneller, soviel ist klar.

Abfahrten

Dank seiner DH-Geometrie war ich mir sicher, dass das Bike hier Punkte sammeln würde und die ersten Eindrücke bestätigen das. Obwohl es unfassbar lang ist, fühlt es sich in Kurven nicht träge an und zirkelt auch scharfe Kurven ohne Mühe. Ein unerwarteter Bonus des langen Radstandes ist die Bewegungsfreiheit, die man auf dem Bike hat. Perfekt, um theatralische Kurswechsel zu vollziehen. Die langen Kettenstreben helfen dabei, Kraft auf dem Vorderrad zu halten, ohne über dem Lenker zu hängen. In richtig engen Kurven wird das ganz schön ätzend, dort, wo man das Hinterrad herumwuchten muss, aber für mich machen diese Kurven etwa 0,00001 % meiner Trails aus. Wichtiger ist, wie das Bike sich bei schnellen Kurven anfühlt. Es ist noch einiges am Setup zu erledigen, Lenkerhöhe, Druckstufe der Gabel und Reifendruck. Ich bin damit auch noch nicht gegen die Uhr gefahren, aber schon jetzt fühlt sich das Bike schnell an, sehr schnell – aber gleichzeitig eben auch sehr kompakt und stabil, als wollte es einfach nur nach vorne gehen. Es wird spannend sein, zu sehen, wie es sich auf schnelleren Trails anfühlt. Ich muss mich nur noch entscheiden, ob ich so schnell sein will, wie das Bike es anscheinend will!

Das nächste Mal: das Setup des Pole und gezeitete Läufe gegen konventionellere Bikes. Ihr könnt dem Aufbau und den Tests dieses Bikes über die Saison hinweg folgen, wenn ihr #thegeometryaffair auf Instagram sucht.

Mehr Informationen zum Pole findet ihr auf polebicycles.com