Wieviel Geld muss man ausgeben, um ein bezahlbares Enduro-Bike zu bekommen, mit dem man direkt loslegen kann – ohne extra Kohle für Upgrades investieren zu müssen? Wir haben in diesem Vergleichstest neun der besten günstigen Enduro-Bikes auf die Probe gestellt, um genau das herauszufinden.

Inhaltsverzeichnis

Manchmal trifft man einfach den Sweet Spot. Der Punkt, an dem man genau das richtige Maß an Bier intus hat, um am Billardtisch wie ein zielsicherer Pool-Gott zu performen. Oder der Moment im Leben, wenn das eigene Einkommen zum ersten Mal die Ausgaben übersteigt – bevor dann plötzlich doch wieder Kinder daherkommen. Doch gibt es so einen Sweet Spot auch, wenn man ein Bike kauft? Am günstigen Ende des Spektrums lautet die Formel: Je mehr man ausgibt, desto besser wird das Bike. Auf der anderen Seite der Extreme treiben einem die nicht selten fünfstelligen Preise der Top-Modelle oftmals Tränen in die Augen. Mit Sicherheit muss es doch aber einen idealen Mittelwert geben, wo man maximale Performance für minimales Geld bekommt.

Eigentlich kann man ständig Geld fürs Biken ausgeben – und das macht ja auch viel Spaß! Doch ab welchem Punkt hat man eigentlich alles, was man braucht?

Ihr habt den Preisrahmen für diesen Test festgelegt

Wir haben gefragt, ihr habt geantwortet – und wir haben zugehört! In unserer großen Leserumfrage 2019 wollten wir von euch wissen, wie viel ihr für euer nächstes Bike ausgeben wollt. Über 16.000 Leser haben uns geantwortet: Im Durchschnitt plant ihr dafür 3.500 € ein. Wir wissen, dass ihr alle passionierte Biker mit Erfahrung seid – sind die 3.500 € daher der ideale Sweet Spot? Bekommt man für diesen Preis ein Bike ohne Schwächen, bei dem man keine Kompromisse eingehen muss? Um das herauszufinden, haben wir die Hersteller eingeladen, die euch laut unserer Umfrage am meisten interessieren. Einige haben begeistert zugesagt, andere haben die Teilnahme abgelehnt, und am Ende bestand unser Testfeld aus neun der besten Enduro-Bikes unter 3.500 €.

Die Enduro-Bikes in diesem Vergleichstest

Die Preiskategorie in diesem Test ist eine echte Herausforderung für jeden Produktmanager. Es ist einfach, ein großartiges Bike zu bauen, wenn Geld keine Rolle spielt. Aber ein Enduro mit einem soliden Fahrwerk, guten Bremsen sowie einem vernünftigen Laufradsatz inklusive ordentlicher Reifen auszustatten und die Kosten dabei unter 3.500 € zu halten, ist nicht gerade ein Kinderspiel. Dazu müssen sorgfältige Abwägungen getroffen werden und damit das Ganze funktioniert, muss ein Produktmanager seinen Job wirklich verstehen und genau wissen, was ein grandioses Bike ausmacht. Als wir bei den Herstellern nach den Bikes fragten, machten wir deutlich, dass wir genau auf die Modelle scharf sind, die die meiste Performance für das wenigste Geld bieten. Ein schicker Carbon-Rahmen geschmückt mit Billig-Komponenten hätte daher keine Chance, stattdessen suchten wir nach ausgewogenen Aufbauten ohne wirkliche Schwächen. Aluminium war dafür die offensichtliche Wahl des Rahmenmaterials, doch die beiden Direktversender YT und Propain widersprachen dieser Überlegung und entgegneten, dass sie Modelle mit Carbon-Rahmen im Angebot hätten – und zwar ohne Kompromisse, wie sie fanden. YT schickte daher ein Capra 29 Comp für 3.199 € und Propain das 3.494 € teure Tyee CF mit einem individuellen Aufbau aus ihrem Online-Konfigurator. Canyon hingegen ging einen anderen Weg: Sie stellten uns das Alu-Torque AL 6.0 für nur 2.799 € zur Verfügung und unterboten damit die Konkurrenz beim Preis deutlich.

Nukeproof hat derzeit einen echten Lauf – das 4.299 € teure Mega 290 Pro-Modell hat in unserem High-End Vergleichstest, in dem wir 17 der spannendsten Enduro-Bikes des Jahres 2020 getestet haben eine herausragende Performance gebote. Daher zögerten sie auch keine Sekunde, uns das günstigere Alu-Modell, das Mega 290 Expert für 2.999 € zu bestellen. MERIDA konnte bereits bei unserem Vergleichstest von Trail-Bikes mit weniger Federweg überzeugen und holte sich mit dem High-End ONE-TWENTY 8000 den Testsieg. Dieses Mal schickten sie das ONE-SIXTY 700 mit Aluminium-Rahmen und 27,5”-Laufrädern ins Rennen. Obwohl GIANT durchaus bekannt ist für ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, ließ uns die High-End-Ausstattung des Reign 29 SX am 3.399 €-Preisschild zweifeln. Trek konnte sich mit dem Slash 8 für 2.999 € bereits in unserem 2019er Vergleichstest zum besten günstigen Enduro-Bike den Kauftipp sichern, also schickten sie uns das gleiche Bike noch mal. Könnte das die zweite Auszeichnung in Folge werden, oder haben sich die Dinge im Lauf der Zeit geändert? Zudem starteten auch zwei Wildcards in diesem Test: das 3.299 € teure Privateer 161 und das Ibis Ripmo AF mit Stahlfederdämpfer-Upgrade für 3.498 €. Beide schreien mit ihren robusten Aufbauten nach Rock ’n’ Roll. Die Carbon-Version des Ibis Ripmo sahnte bereits in unserem Trail-Bike-Vergleichstest ordentlich ab und sicherte sich den Testsieg, doch ist das Ripmo AF mit einer Gewichtsdifferenz von heftigen 1,6 kg noch immer ähnlich vielseitig?

Somit war das Testfeld vollständig und die Bikes sahen wahnsinnig vielversprechend aus für den Kampf in der mittleren Preisklasse – die Sache sollte also spaßig werden.

Bike Preis Gewicht Federweg v/h Radgröße
Canyon Torque AL 6.0
(Zum Test)
2.799 € 15,80 kg 180/175 mm 27,5″
GIANT Reign SX 29
(Zum Test)
3.399 € 15,70 kg 170/146 mm 29″
Ibis Ripmo AF Coil
(Zum Test)
3.498 € 15,70 kg 160/145 mm 29″
MERIDA ONE-SIXTY 700
(Zum Test)
2.999 € 15,10 kg 170/165 mm 27,5″
Nukeproof Mega 290 Expert
(Zum Test)
2.999 € 15,40 kg 170/160 mm 29″
Privateer 161
(Zum Test)
3.299 € 15,90 kg 170/161 mm 29″
Propain Tyee CF
(Zum Test)
3.494 € 14,80 kg 170/160 mm 29″
Trek Slash 8 29
(Zum Test)
2.999 € 14,40 kg 160/150 mm 29″
YT Capra Comp 29
(Zum Test)
3.199 € 15,20 kg 170/160 mm 29″
Ø 3.198 € Ø 15,30 kg

Warum ist das Bike „XYZ“ nicht dabei?

Warum kein Santa Cruz, kein Specialized, kein Hersteller „XYZ“? Bei diesem Preispunkt hatten viele Hersteller entweder kein Bike im Angebot, oder aber sie wussten bereits, dass bei ihrem Bike Kompromisse gemacht wurden, die auf Kosten der Performance gehen und in diesem Test dann zum Vorschein gekommen wären. Doch es fehlen auch Hersteller, die gerade für dieses Preissegment bekannt sind: Wo sind COMMENCAL und RADON? COMMENCAL wollte uns unbedingt ein META AM 29 ESSENTIAL schicken, doch die Einschränkungen in Andorra durch das Coronavirus machten eine Teilnahme unmöglich. Auch für RADON scheint das Timing ungünstig gewesen zu sein – möglicherweise gibt es hier bald Neuigkeiten zu sehen. Schlussendlich ist das kein Test für die Edelmarken der Branche, sondern ein Wettstreit, der genau die Hersteller anspricht, für die ein fairer Preis genauso wichtig ist wie eine erstklassige Performance.

Wo und wie wurden die Enduro-Bikes für diesen Vergleich getestet?

Als wir diesen Vergleichstest damals im November 2019 planten, hätten wir uns natürlich niemals träumen lassen, dass eine Pandemie über den Globus hinwegfegen könnte. In Anbetracht der immer größeren Wahrscheinlichkeit von tiefgreifenden Einschränkungen mussten wir schnell reagieren und hatten sowohl Glück als auch Unglück. Glücklicherweise hatten wir alle Bikes bereits früh genug erhalten, lange bevor irgendwelche Einschränkungen begannen, sodass wir unsere umfangreichen Tests auf den genialen Enduro-Trails im Tweed Valley Schottlands beenden konnten. Pech für uns war allerdings, dass die später bestehenden Einschränkungen zur Folge hatten, dass wir alle abschließenden Diskussionen und gemeinsamen Erkenntnisse via Zoom-Videokonferenz durchführen mussten – und nicht bei einem entspannten Bier nach der Tour. Ein Novum für uns. Euch wird sicher auffallen, dass bei diesem Test kaum Bilder von unserer Test-Crew als Gruppe oder von High-Fives vorhanden sind. Wir waren zwar als Gruppe unterwegs, aber eben mit dem nötigen Abstand. Doch auch in diesen herausfordernden Zeiten – mehr als je zuvor – war es unser Ziel, euch diesen super wichtigen Vergleichstest zu liefern und euch damit wissen zu lassen, in welches Bike ihr euer Erspartes investieren solltet, sobald wir alle wieder raus auf die Trails dürfen. Die Bikes wurden hart rangenommen: auf natürlichen Enduro-Trails, felsigen, ausgewaschenen Downhill-Trails und auf physisch anspruchsvollen, ganztägigen Touren – genau die Art von Biken, für die sie gemacht sind.

Weniger Reparaturen, mehr Spaß! Selbst günstige Komponenten werden immer zuverlässiger – Defekte gab es in diesem Vergleichstest kaum!

Qualität statt Quantität – Wer hat die Bikes getestet?

Um einen umfassenden und objektiven Eindruck eines Bikes zu erhalten, ist es wichtig, dass es von mehreren versierten Test-Fahrern gefahren wird. Für diesen Test haben wir ein Team vereint, das kombiniert über Jahrzehnte an Erfahrung verfügt und völlig verschiedene Fahrstile mitbringt.

Trevor Worsey (41)
Trev hat eine Mission: den Mythos zu widerlegen, dass man mit zunehmendem Alter nicht mehr mithalten kann. Daher ist er fest entschlossen, es den jungen Wilden zu zeigen. Am liebsten fährt er mörderisch steile Trails. Daher steht Trev auf ein ausgewogenes Handling, eine gut konzipierte Hinterbau-Kinematik und Komponenten, die robust genug sind, die schottischen Unwägbarkeiten zu überstehen.
Christoph Bayer (32)
Christoph muss man nicht erst vorstellen. Sein Bike-Wissen ist gewaltig und er saß schon auf mehr Bikes als jeder andere Tester im Team – somit ist er eine wandelnde Bike-Enzyklopädie. Christoph lebt dafür, auf den besten Trails unterwegs zu sein und sucht stets nach dem optimalen Gesamtpaket. Ein ausgewogenes Handling, eine gelungene Ausstattung und eine Geometrie, die für Fahrer jedes Levels funktioniert, sind ihm besonders wichtig.
Cat Worsey (36)
Obwohl Cat sich kein Stück für Anti-Squat, Übersetzungsverhältnisse oder Federgabel-Offsets der getesteten Bikes interessiert, ist sie bergauf ein echtes Monster und testete voller Vergnügen die Effizienz der Bikes. Bergab wünscht sich Cat ein vertrauenserweckendes Handling und intuitives Fahrverhalten in Kurven, damit die Dinge spaßig bleiben und nicht in Angst ausarten.
Finlay Anderson (19)
Manch einer würde sagen, dass Finlay mit dem Mut der Jugend (oder Unvernunft, haha) gesegnet ist, und daher fährt er stets am schnellsten in jede Kurve hinein – für die Kurvenausfahrt gilt das allerdings nicht immer. Er driftet mit Vorliebe in Kurven und besitzt einen insgesamt wenig materialschonenden Fahrstil. Bei Finlay kann man sich darauf verlassen, dass er die Haltbarkeit eines Bikes, seiner Bremsen und Reifen auf die ultimative Probe stellt. Er schätzt ein verspieltes Handling, ein Fahrwerk mit viel Support und einen bezahlbaren Preis.
Felix Stix (28)
Unser Mann fürs Grobe. Felix ist ein passionierter Racer mit gelegentlichen Anwandlungen eines Vorschlaghammers. Auf dem Trail kann man Felix regelmäßig in luftigen Höhen beobachten. Zudem entgehen den Augen des Ingenieurs nichts – Schwächen bei der Komponentenauswahl deckt er gnadenlos auf und bringt jeden Hinterbau an sein Limit. Für Felix muss es ein stimmiges und robustes Gesamtkonzept sein, dazu stabile Reifen und eine Geometrie, die einen knallharten Fahrstil belohnt.

10 wichtige Erkenntnisse aus unserem Vergleichstest bezahlbarer Enduro-Bikes

Sind bezahlbare Enduro-Bikes automatisch auch schwer?

Ein bekanntes Sprichwort besagt „stabil, leicht, günstig – wähle zwei davon“. Das ist zwar vielleicht eine etwas zu vereinfacht dargestellte Betrachtungsweise, doch in der Realität stellen sich zwei Fragen: „Kann man ein erschwingliches Bike mit einem brauchbaren Aufbau bekommen, das noch dazu leicht ist?“, und zweitens „Spielt es überhaupt eine Rolle, wie schwer das Bike ist?“. Die Bikes in diesem Test sind mit ihrem durchschnittlichen Gewicht von 15,3 kg sicherlich keine Leichtgewichte. Das schwerste Bike im Testfeld ist mit 15,8 kg das Canyon Torque, das leichteste hingegen mit 14,4 kg das Trek Slash. Lassen sich die leichtesten Bikes erheblich besser bergauf pedalieren? Nicht immer. Letztendlich saugt ein schwereres Bike bei einem langen Tag im Sattel natürlich ein paar extra Watt aus den Beinen. Doch unser Eindruck ist, dass ein gelungenes Fahrwerk und eine gute Geometrie eine weitaus größere Rolle spielen als ein paar hundert Gramm Gewichtsersparnis, wenn man ohnehin fast ausschließlich Forststraßen hinauf pedaliert. Das Privateer 161 zum Beispiel verfügt über einen steilen Sitzwinkel und einen effektiven Hinterbau. Vergleicht man es mit dem YT Capra Comp 29 und dessen hecklastiger Sitzposition beim Klettern, dann fällt auf, dass das Privateer 161 bergauf schon bald davonzieht – obwohl das Capra 0,7 kg leichter ist. Man sollte ein Bike niemals anhand einer einzelnen nackten Zahl beurteilen, sondern stattdessen die Summe aus Sitzposition, der Effizienz des Fahrwerks und der montierten Reifen betrachten. Um mehr darüber herauszufinden, seht euch unseren ausführlichen Artikel über das Gewicht von MTBs an.

Mit einem durchschnittlichen Gewicht von 15,3 kg sind alle Bikes in diesem Vergleichstest eher schwer. Hat man mit ihnen dadurch weniger Spaß? Verdammt – nein!

Beurteilt ein Bike nicht nach seinem Federweg

Ein weiterer Wert, anhand dessen man niemals ein Bike beurteilen sollte, ist sein Federweg. Wie schafft es das Ibis Ripmo AF mit seinen 145 mm Federweg, bergab mit Leichtigkeit das 165 mm-MERIDA ONE-SIXTY 700 abzuhängen? Warum fühlt sich das Capra mit 170 mm Federweg an, als hätte es eigentlich 200 mm? Es geht nicht darum, über wie viel Federweg ein Bike verfügt, sondern wie es diesen Federweg nutzt. Die besten Enduro-Bikes in diesem Test gehen sparsam mit ihrem Federweg um und behalten so ihre Geometrie bei, wenn man mit ihnen durch anspruchsvolles Terrain heizt. Durchschläge sind für sie ein Fremdwort. Außerdem stellen sie stets genug Support bereit, sodass ihr den Grip des Bikes über Gewichtsverlagerungen mit Leichtigkeit beeinflussen könnt. Für all das braucht es die perfekte Kombination aus Hinterbau-Kinematik und passendem Dämpfer-Tune. Wenn ein Bike eine stark lineare Kennlinie aufweist, ist es eine große Herausforderung für den Dämpfer, am Ende nicht zu schnell zu viel Federweg freizugeben. Genau das ist beim MERIDA ONE-SIXTY der Fall. Es ist zwar super komfortabel und schluckfreudig bei moderaten Geschwindigkeiten, gibt seinen Federweg im ruppigen Terrain jedoch zu schnell frei, wodurch es sich unberechenbar anfühlt. Im Gegensatz dazu können sich Bikes mit einer sehr progressiven Kennlinie, wie etwa das YT Capra und Privateer 161, bei mittleren Geschwindigkeiten oder in gemäßigtem Terrain unkomfortabel und überdämpft anfühlen. Sie erwachen jedoch so richtig zum Leben, wenn die Schläge härter und schneller erfolgen. Die Bikes mit dem vielseitigsten Handling in unserem Vergleichstest – das Nukeproof Mega und das Propain Tyee CF – vereinen beide ein sensibles Ansprechverhalten bei kleinen Schlägen mit einem progressiven Hinterbau und einer ausgeglichenen, stimmigen Kinematik. Wenn ihr euer Wissen zu Kinematik, Anti-Squat und Co. auffrischen wollt, dann checkt unser großes Fahrwerksspecial. Dort verraten wir, wie die einzelnen Werte die Hinterbau-Performance beeinflussen.

27,5“-Laufräder sind zwar nicht tot, aber ein Nischenprodukt

Wir werden es nun aber doch sagen. Enduro-Bikes mit 27,5”-Reifen sind tot! Doch Moment, bevor einige von euch jetzt beginnen, uns mit Mistgabeln durch die Straßen zu jagen, lasst es uns erklären. Es ist wahr: Ein größeres Laufrad kann einem kleineren niemals das Wasser reichen, wenn es um schnelle Richtungswechsel geht – das ist simple Physik. Doch was alles andere angeht – Grip, Stabilität, Sicherheit und Geschwindigkeit – dominieren die 29”-Laufräder. Da bei einem Enduro-Bike der Fokus darauf liegt, bergab schnell durch ruppiges Terrain zu heizen, werden die meisten Fahrer ab einer mittleren Körpergröße es leichter, sicherer und spaßiger finden, mit den größeren 29”-Laufrädern unterwegs zu sein. Gibt es Ausnahmen von dieser Regel? Ja, die gibt es, allerdings betrifft das nur kleine Fahrer mit der Rahmengröße Small oder kleiner. Doch 27,5”-Bikes haben nach wie vor ihre Daseinsberechtigung – nehmt als Beispiel das Canyon Torque, was nicht wirklich ein Enduro-Bike ist. Vielmehr ist es ein Bikepark-orientiertes, absolut verspieltes Bike, das auf Fahrer abzielt, die Whips und Flips in ihrem Trick-Repertoire haben und die kleineren Laufräder zu ihrem Vorteil nutzen können. Das MERIDA ONE-SIXTY 700 andererseits fühlt sich im direkten Vergleich vom Start weg unterlegen an und hat arg zu kämpfen, im anspruchsvollen Gelände mit den besten Bikes aus diesem Test mitzuhalten. Für die meisten Fahrer sind 29” die deutlich bessere Wahl.

Die kleineren Laufräder des Canyon Torque reduzieren die Laufruhe im ruppigen Gelände, machen es aber zu einem echten Experten, wenn es darum geht, maximale Air-Time zu sammeln

Lässt man 27,5”- und 29”-Bikes im direkten Vergleich gegeneinander antreten, unterstreicht das deutlich, wie viel müheloser und sicherer die größeren Laufräder in ruppigem Terrain agieren.

Der Sitzwinkel – Steiler ist nicht immer besser

Der Sitzwinkel war das heiße Gesprächsthema des Jahres 2019. Je steiler, desto mehr sollten dadurch Komfort und Performance bergauf verbessert werden, und in vielerlei Hinsicht stimmen wir dem zu. Doch da der gesamte Markt dem Trend nur um ein oder zwei Grad steiler folgte, hatten wir bis jetzt noch immer keine Obergrenze erreicht, die definiert, wo sich die Messlatte befindet. In diesem Vergleichstest sind Bikes am Start, deren Sitzwinkel sich um gewaltige 6° unterscheiden (von 74° am Canyon Torque bis hin zu steilen 80° am Privateer 161). Eine Sache, die man immer im Kopf haben sollte: Die Messung des Sitzwinkels erfolgt nicht standardisiert und der Winkel ist nicht statisch. Außerdem bieten die meisten Sättel ca. 2 cm an Einstellbereich in jede Richtung, indem man den Sattel an unterschiedlichen Punkten seines Gestells festklemmt. Schiebt man den Sattel komplett nach vorn oder hinten, hat dies einen gewaltigen Einfluss auf den „virtuellen“ Sitzwinkel. Ein Bike mit einem 77° Sitzwinkel hat daher einen virtuelle Einstellbereich von 75,3° – 78,6°. Der 80° steile Sitzwinkel des Privateer 161 verfrachtet den Sattel 3,2 cm näher an den Lenker gegenüber einem Bike, das einen 77° Sitzwinkel besitzt. Das wiederum versetzt den Fahrer im Bezug auf das Tretlager weiter nach vorn und ermöglicht somit eine komfortablere, aufrechtere Sitzposition bei steilen Anstiegen. In flacherem Terrain jedoch ist diese aufrechtere Position anstrengender für die Unterarme und Handflächen, sodass das Privateer 161 zwar ein Experte für „steil bergauf und steil bergab“ ist, aber für viele die auch mal länger in der Ebene fahren somit eben zu speziell ausfällt.

Bikes wie das Trek und YT weisen einen markanten Knick in ihrem Sitzrohr auf, wodurch die Sattelstütze mit einem flacheren Winkel aus dem Rahmen herausragt, als es die Geometrietabelle vermuten lässt. Bei diesen Bikes leiden größere Fahrer mit weitem Sattelstützenauszug unter einem flacheren Sitzwinkel als kleinere Fahrer. Wie die meisten Geometrie-Faktoren ist der Sitzwinkel ein Kompromiss, und es gibt nicht „den“ perfekten Sitzwinkel für alle. Er muss in jedem Fall steil genug sein, um einen praktikablen Bereich an Sitzpositionen fürs Enduro-Biken zu ermöglichen. Schließlich neigt unser Sport schon per Definition dazu, steile Auffahrten zu bewältigen, um die steilen Abfahrten zu erreichen. Die meisten Bikes besitzen heutzutage 76–78° steile Sitzwinkel, passend für ein breites Anwendungsspektrum. Bei einem noch steileren Winkel beginnt das Bike an Vielseitigkeit zu verlieren, speziell dann, wenn man sein Enduro auch in gemäßigterem Terrain bewegen will.

Nicht nur der Sitzwinkel „auf dem Papier“ zählt, sondern auch das Design des Rahmens. Der Knick im Sitzrohr des YT Capra lässt den Sitzwinkel deutlich flacher werden, je weiter die Sattelstütze herausgezogen wird.

Da der Sattel sich auf seinem Gestell nach vorn oder hinten schieben lässt, bietet ein Bike mit einem 77–78°Sitzwinkel genug Verstellbereich für die meisten Fahrer. Ein deutlich steilerer oder erheblich flacherer Winkel hingegen schränkt die Vielseitigkeit ein.

Ein Bike sollte man nach dem Reach und nicht nach der Länge des Sitzrohrs wählen

Sehr große Fahrer haben mittlerweile die Möglichkeit, für eine angemessene Sitzhöhe und ausreichend Verstellweg eine 200-mm-Teleskopstütze zu verwenden, daher braucht es kaum noch übertrieben lange Sitzrohre. Ein kürzeres Sitzrohr erlaubt Fahrern im Bereich der kleineren Rahmengrößen mehr Flexibilität, falls sie den Rahmen eine Nummer größer fahren wollen, um damit einen längeren Reach und ein laufruhigeres Bike zu erhalten. Außerdem erlaubt eine längere Sattelstütze es, den Sattel bergab noch niedriger zu stellen und damit mehr Bewegungsfreiheit und mehr Spaß zu haben. In diesem Vergleichstest betrug die durchschnittliche Sitzrohrlänge an den Bikes der Größe Large 452 mm. Die Differenz zwischen dem kürzesten und längsten Sitzrohr beträgt allerdings gewaltige 51 mm: Beim Ibis Ripmo AF ist es 419 mm kurz und beim MERIDA ONE-SIXTY 470 mm lang. Die Bikes im Test mit den kürzeren Sitzrohren, wie beispielsweise Ibis Ripmo AF, YT Capra, Canyon Torque, Privateer 161 (419, 438, 440 und 450 mm) ermöglichen es sogar kurzbeinigen Fahrern, eine 170-mm-Teleskopstütze zu nutzen – selbst wenn solch eine nicht standardmäßig verbaut ist. Die Bikes mit längeren Sitzrohren, wie etwa das Giant Reign, Trek Slash oder MERIDA ONE-SIXTY (464, 468 bzw. 470 mm), schränken jedoch alle die Auswahl der Rahmengröße für Fahrer mit kürzeren Beinen ein.

Ist ein Carbon-Rahmen es wert, mehr dafür auszugeben?

Wir sind mit der Erwartung an diesen Test herangegangen, das beste Aluminium-Enduro-Bike in diesem Preisbereich zu finden. Doch nachdem wir die Hersteller kontaktiert hatten, wollten einige gern mit einem Carbon-Modell an den Start gehen. Sie haben selbst große Anstrengungen betrieben, um ein konkurrenzfähiges Carbon-Bike zu entwickeln, das 3.500 € nicht überschreitet. Die Frage ist allerdings, ob man mehr Geld für einen Carbon-Rahmen ausgeben sollte, falls darunter die Ausstattung leidet. In diesem Test sind zwei Bikes mit Carbon-Rahmen vertreten: das YT Capra und das Propain Tyee. YT ist als eine Marke mit Top-Preis-Leistung bekannt. Doch auch wenn der Carbon-Rahmen des Capra Comp wahnsinnig sexy ist, wurde schnell klar, dass bei dem 3.199 € günstigen Bike einige Zugeständnisse gemacht wurden, etwa in Form der FOX 36 Rhythm-Federgabel oder dem insgesamt schwereren Aufbau – mit 15,2 kg ist es nicht leichter als der Rest des Testfelds. Propain hingegen war erfolgreicher mit der Integration von Carbon: Das Tyee CF hat einen wunderschönen Rahmen, eine Ausstattung mit einer grandiosen Federgabel und nur wenige Schwächen, ist aber auch ein ganzes Stück teurer. Haltbarkeit ist ebenfalls ein Faktor, den es hinsichtlich des Verbundwerkstoffs zu berücksichtigen gilt. Wenngleich Carbon extrem stabil ist, bringt es bei Beschädigungen mehr Unwägbarkeiten mit sich. Aus dem Grund sind wir auch keine großen Freunde von Carbon-Laufrädern, wenn man in der Nähe von sehr felsigem Gelände wohnt. Aluminium ist einfach die sorglosere Option, wenn man regelmäßig mit seinem Bike stürzt.

Aber Carbon ist doch steifer, sagt ihr? Das Propain Tyee CF räumt unfreiwillig mit dem Mythos auf, dass Carbon-Bikes für eine bessere Performance steifer sind. Denn wir haben festgestellt, dass die langen Sitzstreben ohne zusätzliche Verstrebung dem Hinterbau des Bikes einen spürbaren Flex verleihen, obwohl sie aus Carbon sind. Insgesamt zeigte der Test, dass in diesem Preissegment das Rahmenmaterial eine weitaus kleinere Auswirkung auf den Fahrspaß hat, als die verbauten Komponenten, die Geometrie und die Kinematik des Bikes sie haben. Wenn ihr also eine preisbewusste Neuanschaffung plant, würden wir die Auswahl anhand des Gesamtpakets treffen, und nicht bloß wegen des Rahmenmaterials.

Carbon vs. Aluminium. Der Carbon-Rahmen des YT Capra besitzt ohne Frage mehr Sexappeal…
…doch dafür wurden ein paar Abstriche bei der Ausstattung gemacht.

Die perfekte Kettenstrebenlänge – Nicht die Länge ist entscheidend, sondern die Ausgewogenheit!

Die durchschnittliche Kettenstrebenlänge der Bikes in diesem Test beträgt 438 mm (Abstand zwischen dem Tretlager und der Hinterachse) und die durchschnittliche Länge des Front Center lautet 800,8 mm (Tretlager zu Vorderachse), was ein durchschnittliches Verhältnis von Front zu Heck von 1,82 ergibt. Interessanterweise erwiesen sich die Modelle mit den längeren Kettenstreben im Verhältnis zu ihrem Front Center, wie beispielsweise das Nukeproof Mega, Propain Tyee und Trek Slash (1,79, 1,81 beziehungsweise 1,80) für die meisten Fahrer als die Bikes mit dem leichtesten Handling. Bikes mit einem längeren Front Center im Verhältnis zu ihren Kettenstreben hingegen, wie etwa das Privateer 161 sowie das GIANT Reign SX (1,86 bzw. 1,87) erforderten einen beherzten und aktiven Fahrstil, um in Kurven Gewicht auf das Vorderrad zu bringen. Da die Geometrie der Bikes sich ständig weiterentwickelt, zeigt uns die Erfahrung, dass es bei zunehmender Länge eines Bikes wichtig ist, proportional auch die Kettenstrebenlänge zu erhöhen. Wir haben festgestellt, dass die Bikes mit einer Kettenstrebenlänge von ca. 445 mm, kombiniert mit einem geräumigen, aber nicht extremen Reach um die 470 mm (bei einem Bike in Größe L), für die meisten Fahrer mit einer Körpergröße von 180–185 cm das intuitivste Handling bieten. Daher ist es auch keine Überraschung, dass unsere Gewinner-Bikes – das Nukeproof Mega und das Propain Tyee CF – längere Kettenstreben (450 mm bzw. 445 mm) und einen moderaten Reach (470 bzw. 471 mm) besitzen.

Noch immer gibt es Hersteller, die das Front Center ihrer Bikes lang gestalten, aber den Hinterbau des Bikes super kurz designen. Das führt zu einem unausgewogenen Handling und erfordert große Gewichtsverlagerungen durch den Fahrer, um die Kontrolle zu behalten.

Man braucht einen Stahlfederdämpfer für die beste bergab-Performance, oder etwa nicht?

Drei von neun Bikes in diesem Test besitzen Stahlfederdämpfer – ist der Zeitpunkt endlich gekommen, da die Performance eines Bikes einen höheren Stellenwert genießt als sein Gewicht? Doch der Glaube, dass man einen Stahlfederdämpfer braucht, um bergab schneller zu sein, ist ein Mythos. Das YT Capra und das Nukeproof Mega sind die potentesten Abfahrtsmaschinen in diesem Test und besitzen beide Luftdämpfer. In manchen Fällen kann ein Stahlfederdämpfer allerdings ein grandioses Performance-Update bedeuten. Nehmen wir als Beispiel das Propain Tyee CF, das über eine äußerst progressive Kennlinie verfügt (hohes Übersetzungsverhältnis zu Beginn des Federwegs, das sich zum Ende hin reduziert) und damit bestens geeignet ist für einen Stahlfederdämpfer. Bei unserem ersten Test des Bikes mit einem Luftdämpfer fehltes es dem Rad an feinfühligem Ansprechverhalten, doch der Einbau eines linearen Stahlfederdämpfers verbesserte den Eindruck des Fahrwerks und erhöhte Grip und Kontrolle. Am GIANT Reign SX 29 hingegen sorgte die Verwendung eines Stahlfederdämpfers bei unseren Testern für gemischte Gefühle. Wenngleich der Dämpfer super sensibel arbeitet und ein super aktives Fahrgefühl bietet, empfanden wir den Übergang von viel Support im mittleren Federwegsbereich hin zum kompletten Durchschlag als zu leicht überwindbar. Ein Luftdämpfer würde bei härteren Schlägen mehr Gegenhalt bieten. Ein Stahlfederdämpfer kann also einen spürbaren Vorteil bedeuten – aber nur, wenn die Kennlinie des Hinterbaus damit kompatibel ist.

Der Stahlfederdämpfer am super progressiven Propain Tyee CF verbessert die Performance bei kleinen Schlägen und nimmt dem Ende des Federwegs seine Härte.
Im Falle des GIANT Reign SX allerdings reduziert die Stahlfeder den Support am Ende des Federwegs. Für das GIANT wäre ein Luftdämpfer die bessere Wahl.

Alles was ihr braucht, ohne versteckte Kosten

Dieses Jahr hatten wir mit der Ausstattung der Bikes im Vergleichstest weniger Probleme als je zuvor. Trotzdem leisteten sich einige Hersteller grobe Schnitzer bei manchen Komponenten. Beispielsweise sind die schwachen SRAM Guide R-Bremsen am potenten Ibis Ripmo AF fehl am Platz und limitieren die Performance des Bikes. Auch die FOX Rhythm 36 am YT Capra konnte phasenweise nicht überzeugen und die Griffe des GIANT gingen viel zu schnell kaputt, doch alles in allem lieferten die Hersteller ein für diesen Preisbereich wohl durchdachtes Gesamtpaket, mit sehr wenigen gravierenden Schwächen. Das Fahrgefühl eines Bikes wird immer von seinem schwächsten Bauteil bestimmt und viele Käufer müssen sich mit versteckten Kosten herumärgern, wenn sich bei einem Bike das ein oder andere schlechte Bauteil eingeschlichen hat. Oftmals kostet ein adäquater Ersatz dann mehr, als der Aufschlag zum nächst besseren Modell ausmachen würde. Mit Ausnahme der bereits oben genannten Beispiele und von möglichen Reifenwechseln zur Anpassung an lokale Gegebenheiten mal abgesehen, sind alle Bikes in diesem Test „ready to go“. An den besten Bikes, wie etwa am Propain und Nukeproof, würden wir gar nichts ändern.

Es ist eine echte Herausforderung für Produktmanager, mit einem limitierten Budget ein Bike ohne Schwächen in der Ausstattung zu bauen

So viel Performance zum fairen Preis – Warum also mehr ausgeben?

Wenn man mit diesen Bikes direkt nach dem Kauf gleich loslegen kann, warum sollte man dann überhaupt mehr bezahlen? Wenn ihr auf der Suche nach einem Bike seid, das noch größere Allround-Qualitäten mit sich bringt, bergauf etwas schneller und leichter unterwegs ist und dabei trotzdem dieselben bergab-Fähigkeiten besitzt, dann könnt ihr für mehr Geld ein noch vielseitigeres Bike erhalten. Wie wir bereits erörtert haben, ist das Gewicht nicht der Hauptfaktor bei der Beurteilung der Kletterfähigkeiten eines Bikes, aber ein niedriges Gewicht hilft natürlich. Im Schnitt sind die Bikes in diesem Vergleichstest 0,9 kg schwerer als ihre durchschnittlich 7.373 € teuren Pendants aus dem High-End Enduro-Bike Vergleichstest. Nimmt man zum Beispiel das 15,7 kg schwere Ripmo AF, so wiegt es satte 1,6 kg mehr als sein sündhaft teurer Carbon-Pendant, das Ripmo 2 für 8.139 €. Und auch wenn das Carbon-Modell bergab wahrscheinlich kein Stück schneller wäre (vielleicht sogar langsamer), so würde es bergauf einen gewaltigen Abstand herausfahren. Alles in allem scheinen 3.500 € der Sweetspot für maximale Abfahrts-Performance zum besten Preis zu sein. Für diese Summe könnt ihr ein außerordentlich gutes Bike mit grandiosen Downhill-Fähigkeiten und einem rundum stimmigen Aufbau bekommen. Gebt ihr mehr aus, werden sich dadurch hauptsächlich nur die Uphill-Performance sowie der Look des Bikes verbessern – und vielleicht euer Auftritt an der Eisdiele.

Tops

Perfekt für Hobbits
Selbst kurzbeinige Fahrer sind mit dem Ibis Ripmo AF in der Lage, eine lange Teleskopstütze zu nutzen oder den Rahmen ggf. eine Nummer größer zu wählen – dank seines super kurzen Sitzrohrs.
Die Federgabel zeigt wo’s langgeht, das Bike folgt
Ein großer Teil der Performance des Privateer 161 stammt von der Gelassenheit und Kontrolle der RockShox Lyrik Ultimate. Die Charger 2.1-Dämpfungskartusche ist schlicht überragend.
Old but Gold
Die SRAM Guide RE-Bremsen am Nukeproof Mega mögen zwar nicht so sexy sein wie die SRAM CODE-Stopper, aber sie besitzen die Bremssättel der CODE und arbeiten äußerst effektiv.
Top Reifen
Michelins neue Wild Enduro-Reifen waren an zwei getestet Bikes montiert, dem Nukeproof und dem Privateer. Sie beeindruckten uns mit ihrem Grip und der Stabilität ihrer Seitenwände.
Wo eine Stahlfeder Sinn macht
Nachdem wir das Propain Tyee CF sowohl mit einem Luftfederdämpfer, als auch einem Stahlfederdämpfer getestet haben, können wir mit Gewissheit sagen, dass der progressive Hinterbau mit einer Stahlfeder am besten funktioniert.
GRIP2 ist der Boss
Mit einer FOX 36 Performance Elite GRIP2-Federgabel haben wir in diesem Preissegment nicht gerechnet – sie bietet eine erstklassige Performance an der Front des GIANT Reign SX.
Shimano ist zurück
Die Shimano SLX Vierkolbenbremsen am MERIDA ONE-SIXTY 700 arbeiten tadellos und bieten kraftvolle Verzögerung bei ausreichend Modulation.
Sexy
Die „black-chrome“-Lackierung des MERIDA ONE-SIXTY 700 ist umwerfend schön. Nur schade, dass der Rahmen selbst nicht genauso sexy ist.
LIVE UNCAGED!
Selten war ein Statement so wahr. Das YT Capra ist ein Downhill-Biest – keine Ahnung, ob wir mit einem reinrassigen DH-Bike überhaupt noch schneller fahren könnten.
DW-Link in Perfektion
Das Herz des Ibis Ripmo AF ist zweifellos der grandiose DW-Link-Hinterbau. Er kombiniert Effizienz mit einer ungeheuerlichen Performance bergab.

Flops

Zu flach
Der zu flache Sitzwinkel des Canyon Torque macht in Verbindung mit dem gewaltigen Federweg Uphills zu einer mühsamen Angelegenheit. Allerdings ist es auch kein Bike für ausgiebige Kletterpartien, sondern für Lift-unterstütztes Bikepark-Terrain.
Nicht schlecht, aber auch nicht besonders toll
Die FOX Rhythm 36 ist zwar keine schlechte Federgabel, allerdings ist sie auch nicht besonders toll – und das YT Capra verdient eine erstklassige Federgabel. Wenn wir uns ein Capra zulegen wollten, dann würden wir noch ein klein wenig länger sparen und uns das Pro-Modell für 3.999 € kaufen.
Geheimer Gasgriff?
Die hauseigenen Griffe des GIANT Reign gaben schnell den Geist auf und brachen in ihrem Inneren, sodass der äußere Teil der einfach geklemmten Griffe frei rotieren konnte.
Schlechte Wahl?
Ein Stahlfederdämpfer kann gewaltige Vorteile für ein Bike mit sich bringen, doch am degressiven GIANT Reign SX rauschte für unseren Geschmack ein Stück zu schnell durch seinen Federweg.
Knarzen
Die Verarbeitungsqualität des Ibis Ripmo AF ist grobschlächtig und führt am Hinterbau zu nervigem Knarzen. Es fährt sich jedoch wie ein Geschoss.
Improvisationstalent
Der Rahmenschutz am neuen Privateer 161 funktioniert zwar tadellos, sieht aber ein wenig nach der Arbeit des Praktikanten aus. Das spart natürlich Geld, das für die top Federgabel genutzt werden kann – ein Kompromiss, den wir gerne eingehen.
Fehlender Support
Die RockShox Yari RC war immer eine solide Federgabel, doch in ihrer längsten 170-mm-Version am MERIDA ONE-SIXTY 700 fehlte es ihr an Support. Hier lohnt ein Upgrade auf das Innenleben der Lyrik.
Hölzern
Die MAGURA MT5-Bremsen des Privateer 161 sind zweifellos wirklich kraftvoll, doch verglichen mit den neuesten Bremsen von SRAM und Shimano fehlt es ihnen an Modulation.
Wenn 165 mm sich wie 140 mm anfühlen
Die 165 mm am Hinterbau des MERIDA ONE-SIXTY sind sind linear abgestimmt und man rauscht schnell durch den Federweg. Diese Schluckfreudigkeit ist zwar komfortabel bei niedrigem Tempo, aber unberechenbar bei hohen Geschwindigkeiten.
Flex ist etwas Gutes, oder?
Die super langen Carbon-Sitzstreben des Propain Tyee CF sorgen am Hinterbau für Flex und Pop, machen im Bereich der Umlenkung bei seitlichen Landungen allerdings Geräusche.

Unser Fazit

Auch wenn alle Bikes in diesem Vergleichstest zweifellos Enduro-Bikes sind, unterscheiden sich ihre Fahreigenschaften immens. Fangen wir mit dem YT Capra an: Wenn ihr absolut sicher und so schnell wie möglich nach unten kommen wollt, dann ist das Capra das Bike eurer Wahl. Mit einem super potenten Hinterbau, 29“-Laufrädern und 170/160 mm an Federweg hat es sich von einem Enduro-Bike zu einem phänomenalen Mini-Downhill-Bike entwickelt und benötigt anspruchsvolle Trails, um voll zu brillieren. Man „kann“ es natürlich bergauf pedalieren, aber genauso „kann“ man den Schulweg auch mit einem Hummer H2 bewältigen.

Die „speziellsten“ Bikes in diesem Test waren das Privateer 161 und das Canyon Torque. Beide Bikes haben Punkte liegen gelassen hinsichtlich ihrer Vielseitigkeit, waren jedoch Könige in ihrem ganz eigenen Bereich. Das Privateer 161 ist ein Bike für alle, die nach Sekunden jagen, Inside-Lines bevorzugen und mit einem sehr aktiven Fahrstil unterwegs sind. Zudem fährt es sich genial im steilen Gelände. Doch alles, was es so gut macht als Enduro-Race-Bike, limitiert seine Fähigkeiten als Allrounder – für seine Zielgruppe dürfte das allerdings nichts Schlechtes sein.

Ähnlich sieht es beim Canyon Torque aus. Seine kleineren 27,5”-Laufräder und die flachen Winkel beschränken seine Vielseitigkeit erheblich, doch der massive Federweg und gerade seine Geometrie, die es eher wie ein Mini-Sender wirken lassen (Canyons Downhill-Bike), machen es zum Bike der Wahl für Fahrer, die nach einem agilen und verspielten Park-Bike suchen. Es fühlt sich in der Luft pudelwohl und kann das, wofür es gemacht wurde, extrem gut. Mit dem MERIDA ONE-SIXTY 700 wurden wir nie so richtig warm. Das lag am linearen Hinterbau, den kleinen Laufrädern und dem fehlenden Support der RockShox Yari-Federgabel. Immer wenn es bergab zur Sache ging, blieben wir mit ihm nur hustend im Staub der anderen Bikes zurück.

Auch wenn es von Beginn an wie der Underdog aussah, hat uns das Ibis Ripmo AF überrascht. Im Gegensatz zu Ibis geschniegeltem und kultiviertem Image ist das Ripmo AF ein rüpelhafter Schwergewichts-Boxer und kann grobe Schläge einstecken, aber besitzt trotzdem eine präzise Beinarbeit. Wenn ihr es liebt, bergab zu heizen und dennoch entspannt bergauf pedalieren wollt, kämpft das Ibis Ripmo AF wirklich jenseits seiner Federwegsklasse. Allerdings braucht es bessere Bremsen, um sein volles Potenzial entfalten zu können. Ganz im Gegensatz dazu präsentiert sich das leichtfüßige Trek Slash 8 – völlig mühelos springt es von Line zu Line. Ja, der Sitzwinkel ist flach und ja, das Gesamtpaket ist ein wenig in die Jahre gekommen, aber es ist noch lange nicht reif für die Rente. Bleibt noch das GIANT Reign SX, sicherlich das beste Reign, das es je gab. Das Reign SX verspricht unkomplizierte Performance für die meisten Fahrer, aber wenn man es wirklich ans Limit bringt, sorgt die große Differenz an Federweg zwischen Front und Heck für ein Gefühl, als würden ihm die Reserven am Hinterbau zu schnell ausgehen.

Das beste bezahlbare Enduro – Nukeproof Mega 290 Expert

Nukeproof Mega 290 Expert | 170/160 mm (v/h) | 15,4 kg in Größe L | 2.999 €

Und was ist mit den Gewinnern? Nach Wochen auf dem Nukeproof Mega 290 Expert fragten wir uns, warum wir auch nur einen Cent mehr für ein Bike ausgeben sollten. Bergab war es ein Biest und nahm jede Kurve mit totaler Leichtigkeit und endlosem Selbstvertrauen. Auch wenn es mit seinen 15,4 kg nicht das leichteste Bike ist, fühlten wir uns bergauf nie, als könnten wir gegen teurere Bikes zurückfallen und seine Ausstattung ließ keine Wünsche offen. Ihr könnt auf „jetzt kaufen“ klicken, das Bike auspacken und dann eine Saison lang alles aus ihm herausprügeln, ohne irgendwelche versteckten Kosten fürchten zu müssen. Daher ist es wenn es um die reine Abfahrts-Performance geht unser klarer Testsieger.

Hier geht’s zu unserem ausführlichen Test vom Nukeproof Mega 290 Expert.


Unser Kauftipp – Propain Tyee CF

Propain Tyee CF | 170/160 mm (v/h) | 14,8 kg in Größe L | 3.494 €

Für alle, die nach einer noch etwas vielseitigeren One-Bike-For-All-Lösung für Enduro- und Trail-Ausfahrten suchen, ist das Propain Tyee CF für 3.494 € ein absolutes Schnäppchen. Mit seinem sexy Carbon-Rahmen und seiner irre guten Ausstattung gibt es sowohl bergauf als auch bergab gehörig Gas. Wer ein Enduro-Bike sucht, das auf allen Trails viel Spaß bietet, dem liefert das Propain Tyee CF ein unfassbares Gesamtpaket zum fairen Preis und sichert sich so unseren Kauftipp!

Hier gehts zu unserem ausführlichen Test zum Propain Tyee CF.

Da habt ihr es: 3.000 €–3.500 € ist die ideale Preisspanne für ein Enduro-Bike. Ob Enduro-Rennen am Wochenende, Runden im Bikepark, Ausflüge mit eurer Crew oder die schnelle Feierabendrunde mit Shuttle-Unterstützung – die Gewinner dieses Tests haben wirklich alles, was ihr braucht. Auch wenn ihr doppelt so viel ausgebt, werdet ihr nicht mehr Spaß haben oder deutlich schneller sein.


Die Konkurrenz

Canyon Torque AL 6.0 (Zum Test)
180/175 mm (v/h) | 15,8 kg in Größe L | 2.799 €
GIANT Reign SX 29 (Zum Test)
170/146 mm (v/h) | 15,7 kg in Größe L | 3.399 €
Ibis Ripmo AF Coil (Zum Test)
160/145 mm (v/h) | 15,7 kg in Größe L | 3.498 €
MERIDA ONE-SIXTY 700 (Zum Test)
170/165 mm (v/h) | 15,1 kg in Größe L | 3.199 €
Privateer 161 (Zum Test)
170/161 mm (v/h) | 15,9 kg in Größe P3 | 3.199 €
Trek Slash 8 29 (Zum Test)
160/150 mm (v/h) | 14,4 kg in Größe L | 2.999 €
YT Capra Comp 29 (Zum Test)
170/160 mm (v/h) | 15,2 kg in Größe L | 3.199 €

Text: Trev Worsey Fotos: Trev Worsey, Finlay Anderson

Über den Autor

Trev Worsey

Trevor liebt Whisky, das Biken und alles dazwischen. Er wurde zwar in England geboren, fühlt sich aber als waschechter Schotte. Dementsprechend ist er nicht nur schlechtes Wetter gewöhnt, sondern ist auch ein echter Spezialist, wenn es um steile und anspruchsvolle Trails geht. Mit über 40 muss er sich eigentlich nichts mehr beweisen, kann jedoch trotzdem mit vielen jungen Wilden mithalten. Damit das nicht allzu sehr überhandnimmt, steht „Think about Brook“ auf seinem Oberrohr. Sein Sohn Brook wurde von Anfang an mit dem Bike-Virus infiziert. Gemeinsam mit seiner jungen Familie und den zwei Hunden sieht man Trevor fast ausschließlich draußen, sei es beim Biken, Graveln, Wandern, Surfen oder Kanu fahren – egal bei welchem Wetter. Ein echter Schotte eben.