An welchem Punkt wird aus einem Trainingstool ein Problem? Vermutlich dann wenn man auf der Jagd nach der Bestzeit ignorant den Trail runter hämmert oder wenn man Kurven abkürzt. Warum verwandeln sich manche von uns in KOM-Jäger? Es ist schlicht und einfach nicht gut für unseren Sport, dessen Image und unsere Trails. Ganz genau, wir reden von Strava – und warum ihr das Tracken bei eurer nächsten Ausfahrt vielleicht besser lassen solltet!

Fahrt zum Spaß, nicht für KOMs!

Beim Mountainbiken sollte es allein um eine Sache gehen: Spaß! Natürlich, gibt es einen Hype um Rennen, schicke Komponenten und darum, schnell zu fahren. Doch wenn ihr euch zurückbesinnt auf die Wurzeln unseres Sports, dann werdet ihr den wahren Grund erkennen, warum ihr mit dem Biken angefangen habt. Es ging nicht etwa darum, der Schnellste zu sein, sondern darum, das Gefühl zu genießen, draußen in der Natur zu sein und mit dem Bike einen anspruchsvollen Trail herunter zu heizen – mit einem fetten Grinsen im Gesicht!

Doch Trainingstools wie Strava lassen uns leicht vergessen, warum wir uns von Beginn an so ins Mountainbiken verliebt haben. Denn das Tool raubt uns zum Teil die Erinnerungen von unseren Touren und ersetzen sie mit segmentbasierten, ergebnisorientierten Zielen. Zum Beispiel werdet ihr vermutlich die Freude vergessen, die ihr verspürt habt, als ihr die drei Wellen auf eurem Home-Trail im perfekten Manual entlang gesurft seid – und zwar genau in dem Moment, wenn ihr euer Handy am Ende des Trails checkt und realisiert, dass ihr ganze fünf Sekunden langsamer wart als bei eurer persönlichen Bestleistung. Wenn wir zulassen, dass unser Fokus zu stark darauf liegt, persönliche Bestleistungen (PB) einzustellen und Titeln wie King Of The Mountain (KOM) oder Queen Of The Mountain (QOM) nachzujagen, dann wird Strava schnell zum Hauptaugenmerk einer jeden Fahrt. Schon bald wird uns die App diktieren, welche Trails wir fahren (man muss schließlich seinen KOM-/QOM-Titel zurückerobern, nicht wahr?), mit wem wir unterwegs sind und wie wir uns nach einer Ausfahrt fühlen. Schließlich kennen wir alle das Sprichwort „Wenn es nicht auf Strava ist, dann ist es nie passiert!“. Was danach passiert, lässt sich nur als schnelles Abgleiten in eine ausgewachsene Strava-Sucht beschreiben. Wir fahren nicht länger mit unseren Freunden (denn schließlich machen sie uns nur langsamer, oder?!), und der Erfolg einer jeden Fahrt basiert nur noch auf kleinen virtuellen Trophäen und ziemlich ungenauen Segment-Zeiten. Und ehe man sich versieht, lädt man nach einer Tour wahnhaft seine Aktivität für all die gespannt wartenden virtuellen Fans hoch – bevor man sich überhaupt ein kühles After-Ride-Bier geöffnet oder wenigstens seine verschwitzten Knieschoner ausgezogen hat!

Wahre Meister ihres Sports genießen den Weg, nicht das Ziel. Sie vergessen die Zeit, anstatt sich um sie zu sorgen.

Benehmt euch – Shared Trails sind keine Rennstrecken

Die nächste Stufe des Strava-Wahns schadet nicht nur einem selbst, sondern setzt auch eine breitere Allgemeinheit einem Risiko aus. Wenn sich alle Gedanken darum drehen, dass die persönliche Bestleistung auf einem Segment langsam entgleitet, dann verliert man schnell jegliche Rücksicht für seine Umgebung. Shared Trails sind keine Rennstrecke! Doch mit Vollgas blindlings einen geteilten Weg hinunterzujagen und enge Kurven mit Vollgas zu nehmen, um lediglich ein paar Sekunden auf der Fahrt gutzumachen, ist eine todsichere Methode, um mit den Locals Ärger zu bekommen. Selbst wenn man sich oder andere nicht verletzt, dann zerstört man im Alleingang den allgemeinen Ruf der Mountainbiker.

Skills, not shortcuts

Stellt euch Folgendes vor: Ihr lasst es auf einem super coolen neuen Trail krachen, genießt die Kurven und habt einen Heidenspaß dabei! Doch plötzlich, unmittelbar vor einer ganz besonders gut gebauten aussehenden Reihe von schnellen Anliegern, fällt euer Blick auf eine frische Spur im Waldboden. Bevor ihr euch verseht, steuert ihr bereits unterbewusst auf den Shortcut zu, schießt schnurstracks gerade über den Trail und verpasst diese herrlichen Kurven komplett. Wenn ihr einer von den Leuten seid, die mit voller Absicht Abkürzungen auf dem Trail nehmen sowie Kurven und technische Sektionen auslassen, nur um näher an den Strava-KOM heranzukommen, dann solltet ihr jetzt wirklich einen langen, schmerzhaften Blick auf euer Selbst werfen. Die Erbauer der Trails nehmen eine ganze Menge Zeit und Aufwand in Kauf, um die Trails zu bauen, auf denen ihr so gern unterwegs seid – und ihr allein macht ihre Arbeit zunichte. Auch wenn es wie ein Verbrechen ohne Opfer scheint, hier und da mal ein paar Kurven auszulassen, indem man eine frische Linie in den Trail brennt: Das ist es definitiv nicht. Es braucht lediglich einen einzigen Strava-Besessenen, um einen sichtbaren Abschneider zu erschaffen, und mit der Zeit werden auch andere Fahrer davon unterbewusst angezogen, nehmen immer öfter die neue Linie und erodieren den Trail. Und das, ohne überhaupt zu wissen, dass sie etwas Falsches getan haben. Schon bald wird der neue Shortcut öfter gefahren als der originale Trail. Doch während der ursprüngliche Trail gezielt so gebaut war, dass er auch langfristig hält, hat die von den Reifenspuren vorgezeichnete Strava-Line keine Chance, einer häufigen Nutzung standzuhalten. Sie wird immer breiter und tiefer, bis sie schließlich gänzlich unfahrbar wird und ein neuer Shortcut den alten ersetzt. Dieser niemals endende Zyklus ist der schlimmste Albtraum aller Trailbauer. Wenn ihr also das nächste Mal versucht seid, einen Trail-Abschnitt auszulassen, der völlig in Ordnung ist, nur um einen fragwürdigen Shortcut zu nehmen, dann denkt daran: Es sind eure Skills, die euch schneller machen, und nicht die Abkürzungen. Ihr könnt vielleicht andere betrügen, aber niemals euch selbst.

Kurven zu schneiden, um wenige Sekunden schneller als andere zu sein, mag zwar gut für euer Ego sein, aber nicht für den Sport.

Es wird immer jemanden geben, der schneller ist als ihr!

Niemand mag es hören, aber es ist die bittere Wahrheit: Wenn euer Nachname nicht gerade Rude, Hill, Maes, Ravanel oder Courdurier lautet, dann wird es da draußen immer jemanden geben, der schneller ist als ihr. Diesen Fakt zu akzeptieren, ist der erste Schritt, um eure Strava-KOM-Sucht hinter euch zu lassen und neu zu erlernen, worum es in unserem Sport eigentlich geht: Eine verdammt gute Zeit auf zwei Rädern zu verbringen!

Wenn ihr Rennen fahren wollt, dann nehmt einfach an einem teil!?

Wenn ihr wirklich eure Wettkampfgelüste stillen müsst, warum nehmt ihr dann nicht an einem Rennen teil? Rennen sind ein weitaus besserer Ort um sich mit anderen zu messen, als Strava-Segmente … . Der Trail ist mit Flatterband abgesperrt (also keine Shortcuts!), die Trails werden nach dem Event wieder hergerichtet und ihr könnt mit Vollgas eine abgesperrte Strecke hinunter heizen, ohne andere dabei in Gefahr zu bringen! Unabhängig davon, wie ihr abschneidet – ihr werdet das Rennwochenende stets mit neuen Trails im Gedächtnis, neuen Bekannten und voller Begeisterung verlassen. Und wenn das noch nicht Ansporn genug ist: An der Ziellinie gibt es kühles Bier!

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Strava ein geniales Tool sein kann, um euer Training aufzuzeichnen, euch selbst zu motivieren und neue Orte zu entdecken. Doch wenn die App missbraucht wird, dann zerstört Strava nicht nur den Spaß an der Sache, sondern führt auch noch zu kaputten Trails und einem schlechten Image für unseren Sport. Wenn ihr einen Trail partout nicht beenden könnt, ohne eure Segmentzeit zu checken, oder ständig darüber nachdenkt, euren lokalen KOM/QOM-Titel zurückzuerobern, dann bitten wir euch: Dreht eine Runde mit eurem Bike, ohne bei eurem Smartphone oder GPS-Gerät „Aufzeichnung starten“ zu drücken. Fahrt einfach zum Spaß, verbessert eure Skills und seid auf der Jagd nach einer geilen Zeit, nicht nach persönlichen Bestzeiten!*

*Ihr könnt uns später danken! ;)

Text: Finlay Anderson Fotos: Julian Lemme

Über den Autor

Finlay Anderson

Finlay ist nicht nur im Beruf, sondern auch auf dem Bike ein Überflieger. Der Jüngste im Team lässt es auf dem Bike gerne so richtig krachen. Finlay war nicht weit von einer professionellen Rennsportkarriere entfernt, hat sich dann jedoch für einen „vernünftigen“ Job entschieden: Als Redakteur Bikes testen, fotografieren und texten – all das macht er auf höchstem Niveau und hat sich schnell zum festen Bestandteil unseres internationalen Teams entwickelt. Wenn er gerade nicht auf dem Bike sitzt, dröhnt das Mountain Reggae Radio aus seinen Boxen oder er cruist mit dem Skateboard durch die Straßen.