Die exzellenten Titan- und Stahl-Hardtails bescheren der aus dem UK stammenden Firma Stanton bereits eine treue Fangemeinde. Ihr neues 160/140 mm Fully Switch9er FS kombiniert nun Stahl und Aluminium in einem Rahmen und erschafft damit ein ingenieurtechnisches Rätsel. Ermöglicht diese Paarung auf dem Trail das Beste aus beiden Welten?

Stanton Switch9er FS | 160/140 mm | 15,90 kg | 4.444 €

Aluminium und Stahl – warum sollte man die beiden kombinieren?

Fully-Mountainbikes aus Stahl sind nichts Neues. Auf dem Markt gibt es einige davon, mit ihren unverwechselbar dünnen Streben und schlanken Silhouetten. Doch das Stanton Switch9er FS mit seinen 29”-Reifen geht die Dinge etwas anders und einzigartig an. Stanton ist besessen von lateraler Steifigkeit: Für verbesserte Tret-Effizienz und – ebenso wichtig – um sicherzustellen, dass die Fahrwerkskomponenten und Drehpunkte in der richtigen Richtung belastet werden und damit keinen übertriebenen Verschleiß erleiden. Stanton nutzt dasselbe vordere Rahmendreieck aus Reynolds 631-Stahl, wie es schon beim Sieger unseres Hardtail-Vergleichstests zum Einsatz kam. Ergänzt wird es von den beiden individuellen Seiten des hinteren Rahmendreiecks, die aber aus 6063-T6-Aluminium-Streben gefertigt sind. Die Alu-Konstruktion ermöglicht es, den Hinterbau so zu konzipieren, dass er sowohl steif als auch leicht ist. Dadurch wird die ungefederte Masse minimiert und die laterale Steifigkeit noch weiter erhöht. Die beiden einteiligen Profile sind mittels zweier CNC-gefräster Verbindungsstücke aus 6082-T6-Alu miteinander verbunden. Diese wiederum sind am CNC-gefrästen, stählernen oberen Drehpunkt und dem „The Egg“ genannten Tretlagerbereich bzw. unteren Drehpunkt mit dem Hauptrahmen gekoppelt.

Für die Kombination aus Stahl und Aluminium gibt es nicht nur einige interessante ingenieurtechnische Gründe, wir sind auch verliebt in die ausgewogene Optik.

Das Hinterbau-Design des Stanton Switch9er FS

Das Stanton Switch9er verfügt am Heck über 140 mm Federweg und nutzt ein Twin-Link-Hinterbau-Design. Das gibt einem Konstrukteur viele Möglichkeiten, den Hinterbau genau an die eigenen Vorstellungen abzustimmen. Stanton hat an einer extrem progressiven Federkennlinie getüftelt, die von 2,5:1 auf circa 1:1 fällt. Das niedrige Übersetzungsverhältnis am Ende reduziert die Kräfte, die auf den Dämpfer wirken, und sorgt für eine konstantere Performance und längere Haltbarkeit. Stanton hat dem Bike zudem ein hohes Maß an Anti-Squat – ungefähr 150% – um den SAG herum verliehen. Die Kettenkräfte lassen rapide nach, wenn das Bike sich durch den Federweg bewegt, was dabei hilft, den Pedalrückschlag zu kontrollieren. Dem aktuellen Trend folgend, ist der Dämpfer parallel zum Unterrohr montiert, um so die Kräfte entlang der Rohre abzuleiten und – noch wichtiger – Platz für eine Trinkflasche bereitzustellen.

Die Geometrie des Stanton Switch9er FS

Das Stanton Switch9er FS ist mit maßgeschneiderter Geometrie erhältlich. Falls ihr also beispielsweise ein 16,5″-Sitzrohr mit dem Reach eines 18,5″-Rahmens wollt, dann ist das dank Stantons hauseigener Fertigung kein Problem. Daher konzentrieren wir uns lediglich auf die entscheidenden Punkte der Standard-Größen. Hier spiegeln sich die aktuellen Trends wider, wie z. B. ein 470-mm-Reach bei Größe Large und Sitzwinkel von 76°. Der superflache Lenkwinkel hingegen dürfte mit seinen 63,7° für die ein oder andere hochgezogene Augenbraue sorgen und der Radstand mit 1.265 mm sowie der 632 mm hohe Stack sind eher am extremen Ende der Skala einzuordnen. Der Hauptrahmen wird kombiniert mit eher langen 445-mm-Kettenstreben. Doch die Kennziffer, die wirklich unsere Aufmerksamkeit erregt, ist die Tretlagerabsenkung von nur 14 mm – rund 15 mm höher als bei den meisten vergleichbaren Bikes.

Gegen den Trend: ein höheres Tretlager

Wir staunen regelmäßig bei den Veröffentlichungen von 29”-Bikes mit ihren super niedrigen Tretlagern und wundern uns, dass sie nicht schon im Stand fast den Boden berühren. Auch wenn das natürlich etwas übertrieben ist, hat Stanton mit seinem Switch9er FS diesen Trend komplett ignoriert und setzt auf eine relativ kleine Tretlagerabsenkung von nur 14 mm. Wir wollten natürlich mehr darüber erfahren und Dan Stanton erklärte uns: „Man kann ein 29er flacher und länger gestalten, um seine Stabilität zu erhöhen, doch wenn man dann auch noch auf ein tiefes Tretlager setzt, entsteht dadurch in Kurven ein Pendel-Gefühl, das es schwerer macht, sich nach vorn zu lehnen. Bei meinen Tests kam ich zu dem Schluss, dass ein erhöhtes Tretlager unter Beibehaltung der anderen Faktoren, welche die Stabilität erhöhen, dabei hilft, schneller und direkter durch Kurven zu fahren.“ Eine interessante Ansicht, die nicht nur Stanton vertritt. Auch andere Firmen, die flache 29er entwickeln, wie etwa Pole, nutzen ebenfalls ein relativ hohes Tretlager.

Die Ausstattung des Stanton Switch9er FS

Der Stanton Switch9er FS-Rahmen allein ist für 2.500 £ (ca. 2.795 €) erhältlich, entweder mit einem FOX X2-Luftdämpfer oder einem Öhlins TTX-Stahlfederdämpfer. Er ist in einer breiten Palette an Farben verfügbar, denn Stanton bietet einen hauseigenen, kundenspezifischen Lackier-Service an. Auch gibt es zwei Komplett-Ausstattungen: Das 3.975 £ (ca. 4.444 €) teure Standard-Modell mit einer Marzocchi Bomber Z1-Federgabel, SRAM NX-Antrieb, Stans NoTubes Flow-Laufrädern, SRAM Guide RE-Bremsen und einem Marzocchi Bomber CR-Stahlfederdämpfer sowie das für 5.500 £ (ca. 6.149 €) erhältliche Elite-Modell mit einer FOX Factory 36 Grip 2-Federgabel, Shimano XT 11-fach-Antrieb, Stans NoTubes Carbon-Laufrädern, Shimano XT-Bremsen und einem FOX X2-Luftfederdämpfer bzw. einem Öhlins TTX-Stahlfederdämpfer.

Sehr progressiv – Das progressive Fahrwerk verleiht dem Rad enorme Reserven. Es ist so progressiv, dass wir empfehlen, eine weichere Feder zu montieren und das Rad mit ca. 35–40 % SAG zu fahren. Das senkt obendrein das Tretlager etwas weiter ab.
Limitierend – Die Goodyear Newton-Reifen werden dem Rad nicht gerecht. Ihnen fehlt es an Grip – speziell im nassen, losen Terrain.
Vielseitigkeit ist Trumpf – Das Stanton Switch9er hat sich als ein Top-Allrounder herausgestellt. Wo auch immer wir unterwegs gewesen sind und was auch immer wir mit ihm gemacht haben – das Bike hat uns überzeugt
Unausgewogen – Wir sind große Fans der SRAM Guide RE, doch die Kombination mit einer 200-mm-Bremsscheibe vorn und einer 160er-Version am Heck hat dies nicht harmoniert.
Unterschätzte Performance – Die GRIP-Kartusche der Marzocchi Bomber Z1 weiß mit solider Performance zu überzeugen. Wir empfehlen den Druckstufen-Hebel etwa zur Hälfte zu schließen, um ein Wegsacken zu verhindern.

Wie fährt sich das Stanton Switch9er FS?

Unser 1,80 m großer Tester entschied sich, ausgiebigen Gebrauch von Stantons maßgeschneiderter Geometrie zu machen: Er wählte ein Switch9er mit einer Sattelrohrlänge von 419 mm (vom 16,5”-Rahmen) und verband das Ganze mit den 470-mm-Reach des 18,5″-Bikes. Wir haben ein Bike in der Standardausstattung eine Woche lang auf unseren Hometrails getestet, sowohl auf steilen und technischen, Bikepark-ähnlichen Strecken als auch an Tagen mit langen Uphills auf natürlichen Trails.

Angesichts der Hardtail-Expertise von Stanton ist es möglicherweise keine Überraschung zu hören, dass das Switch9er FS seinen Fokus auf schnelle Beschleunigung und effizientes Klettern legt. Genau dann, wenn man bergauf mit dem Switch9er unterwegs ist, wird einem klar, dass Stanton dieses Ziel erreicht hat. Es ist keineswegs ein leichtes Bike, doch der hohe Anti-Squat stellt sicher, dass der Hinterbau nicht wippt oder wegsackt. Die Effizienz ist exzellent und sobald man kräftig in die Pedale tritt, hebt das Bike ab und prescht voller Enthusiasmus voran. Mit seiner niedrigen Überstandshöhe, seinem hohen Stack und dem 800 mm breiten Lenker ist das Oberrohr weit entfernt und das Bike bietet eine Menge Bewegungsspielraum. Wir sind riesige Fans von längeren Kettenstreben und die 445 mm am Switch9er FS gleichen den Hauptrahmen und den flachen Lenkwinkel sehr gut aus. Auch wenn es natürlich zu schwer ist, um bergauf als Rakete durchzugehen, waren wir extrem beeindruckt, wie leichtfüßig des Switch9er FS, größere Uphills erledigt. Lange Tage im Sattel sind absolut innerhalb der Komfortzone des Bikes.

Das Stanton Switch9er fühlt an wie ein Bike, mit dem man es ordentlich krachen lassen kann und daher waren wir sehr gespannt, wie das Konzept der gemischten Materialien auf uns bestens bekannte Trails funktionieren würde. Wenn die Schläge größer werden, nimmt man schnell die äußerst progressive Kinematik wahr, die perfekt zum Marzocchi Bomber CR Coil-Dämpfer passt. Trotz Landungen im Flat verweigerte das Switch9er unfreundliche Durchschläge und selbst auf Downhill-Strecken fühlten wir uns nie von den 140 mm Federweg am Heck ausgebremst. Bikes mit hohem Anti-Squat sind oft geplagt von einem großen Maß an Pedalrückschlag, doch das Stanton Switch9er hat das bestens unter Kontrolle. Der Support im mittleren Federwegsbereich ist gewaltig und macht das Bike wirklich super verspielt.

Was uns am Stanton Switch9er am allermeisten beeindruckt, ist schlicht und einfach, wie perfekt zusammengestellt sich das Gesamtpaket anfühlt. Es gibt überhaupt kein Quietschen, Knarzen oder Klappern! Es ist das Traum-Bike eines jeden Ingenieurs. Enge Toleranzen und innovative Features wie etwa die Versteifung vermitteln ein Gefühl von Festigkeit und Stabilität. Knallt man heftig in Kurven oder pusht hart in Kompressionen, spürt man bei vielen Bikes oft Flex oder sie fangen an zu knarzen. Nicht so beim Stanton, es gerät überhaupt nicht aus der Ruhe. Bügelt man durch Steinfelder, hört man nichts und das Rad fühlt sich gut gedämpft an. Welchen Anteil daran nun der natürlich Hauptrahmen aus 631er-Stahl hat, oder ob es an den genauen Fertigungstoleranzen liegt, nach denen Stanton arbeitet, lässt sich schwer sagen, doch es ist eines der leisesten Bikes, das wir je gefahren sind.

Das hohe Tretlager fühlt sich in starken Kompressionen oder Anliegern weniger souverän an, dafür kann man mit dem Rad sehr leicht mit dem Trail spielen.

Die Standardausstattung ist absolut zuverlässig, wie ein treues Arbeitspferd – von den schrecklichen Goodyear Newton-Reifen mal abgesehen, die bei Nässe Null Grip bieten. Niemand würde das Fahrgefühl oder die Qualität der spitzenmäßigen Stans Flow-Laufräder infrage stellen und der SRAM NX-Antrieb macht seinen Job ohne jegliches Gezeter. Wir sind auch große Fans der SRAM Guide RE-Bremsen, doch eine 160-mm-Scheibe am Heck hat an einem derart schnellen Bike nichts zu suchen. Ein Feature, das sich als polarisierend erweisen dürfte, ist das relativ hohe Tretlager. Stanton behauptet, dass ein höheres Tretlager dazu führt, dass man sich auf dem Bike leichter in Kurven lehnen kann. Auf dem Trail scheint daran etwas dran zu sein, denn das Switch9er FS lässt sich weitaus schneller durch flache Kurven zirkeln, als wir es von einem Bike mit einem 63,7°-Lenkwinkel erwartet hätten. Es fühlt sich generell lebendiger an, als es die nackten Zahlen vermuten lassen. Doch da Geometrie stets die Balance von Kompromissen ist, beeinflusst die Veränderung einer Kennzahl im gleichen Moment Eigenschaften an einer anderen Stelle. Daher fehlt dem Switch9er FS dieses „tief im Rad integriert sein“-Gefühl, das man mit einem super tiefen Tretlager erhält. Kombiniert mit dem hohen Stack bekommt man eher das Gefühl, als würde man „auf“ dem Bike stehen, statt darin integriert zu sitzen. Diese Eigenschaft ist jetzt nicht zwangsläufig etwas Schlechtes, denn es kommt der verspielten Natur des Switch9er FS entgegen. Das mag nicht für jeden etwas sein, doch hat man sich einmal daran gewöhnt, wie es sich fährt, dann geht das Stanton ordentlich ab.

Bergab fühlt sich das Stanton Switch9er so schnell wie ein Hochgeschwindigkeitszug an, unaufhaltsam und leise – ein wirklich großartiges Fahrgefühl.

Nach dem einwöchigen Test sind wir beeindruckt von der Vielseitigkeit des Stanton Switch9er FS. Mit dermaßen flachen Winkeln hätten wir eher einen Panzer erwartet, doch stattdessen haben wir ein quicklebendiges, energetisches Bike erfahren, das einen fantastischen Job auf einer Vielzahl von Ausfahrten macht. Für jemanden, der nach einem Bike sucht, das länger als ein Modelljahr hält und außerdem „das eine Bike für alles“ ist, dürfte das Stanton Switch9er FS eine interessante und erfrischende Alternative zu den altbekannten Marken sein. Das Switch9er FS wird euch ebenso motiviert auf einer episch langen Samstags-Ausfahrt begleiten wie am Sonntag danach, bei einer Lift-unterstützten Downhill-Orgie im Bikepark. Aber Achtung: Mit diesem Bike unterwegs zu sein, wird eure Ausfahrten verlängern, denn viele werden versuchen, mit euch über seine spannende Technik zu fachsimpeln.

Wie gut ist das Stanton Switch9er FS nun?

Das Stanton Switch9er hat sich als vielseitiges Biest für jede Gelegenheit offenbart. Das hohe Maß an Effizienz bergauf und der wahrlich progressive Hinterbau verleihen ihm ein energetisches und verspieltes Handling, das aktive Fahrer begeistern wird. Die Kombination aus Stahl und Aluminium, gepaart mit smarter Technik, gibt ein Gefühl von unnachgiebiger Steifigkeit und sorgt für eine sehr leise Geräuschkulisse, mit der nur die wenigsten Bikes mithalten können. Wenn ihr auf der Suche nach etwas Besonderem seid, dann werdet ihr jede Sekunde damit genießen.

Stärken

  • herausragende Verarbeitungsqualität
  • verspieltes Handling trotz radikaler Geometrie
  • äußerst vielseitig

Schwächen

  • hohes Tretlager reduziert das „in das Bike integriert sein“-Feeling
  • 160-mm-Bremsscheibe am Heck ist zu klein
  • kein Leichtgewicht

Fahreigenschaften

12

Uphill

1
  1. schwerfällig
  2. effizient

Agilität

2
  1. träge
  2. verspielt

Laufruhe

3
  1. nervös
  2. laufruhig

Handling

4
  1. fordernd
  2. gutmütig

Fahrwerk

5
  1. unsensibel
  2. feinfühlig

Fahrspass

6
  1. langweilig
  2. lebendig

Value for money

7
  1. schlecht
  2. sehr gut

Technische Daten

Stanton
Switch9er FS

Größe: 15" 16,5" 18" 19,5"
Gewicht: 15,90 kg
Federweg (v/h): 160/140 mm
Laufradgröße: 29"
Preis: 4.444 €

Einsatzbereich

XC 8
Trail 9
Enduro 10
Downhill 11

Mehr Infos findet ihr unter: stantonbikes.com

Dieser Artikel ist aus ENDURO Ausgabe #040

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Text: Trev Worsey Fotos: Trevor Worsey, Finlay Anderson

Über den Autor

Trev Worsey

Seit den frühen 90ern mit dem Bike-Virus infiziert, arbeitete Trev zunächst als Wissenschaftler und Statistiker, bevor ihn Bikes und Berge endgültig zu sich riefen. Nach sieben Jahren als Mountainbike-Guide wechselte er dann zu ENDURO, wo er sich seitdem von unserem UK-Office aus um News, Storys und Testberichte für unsere Website und die Ausgaben kümmert.