Hoffnungslos umzingelt – Kakteen in allen Größen und Formen zielten mit ihren Stacheln auf zarte, menschliche Haut und standen in dieser rauen Umgebung wie Wachposten aufgereiht. Natur ist etwas Schönes, aber nicht, wenn sie einen berührt, beißt, sticht oder aufspießt. Vor allem nicht, wenn man noch ein paar Stunden auf dem Bike in der amerikanischen Wüste vor sich hat.

Ausgerechnet in Sedona sollte das Pressecamp von Liv Bikes stattfinden – und ich war mir absolut sicher, dass hier in Großbritannien noch niemand von dieser Kleinstadt mitten in einer entlegenen Wüste in Arizona gehört hatte. Doch es stellte sich heraus, dass dieser Ort ein ziemlich großes Ding ist und zusammen mit Moab ganz weit oben auf der Liste der Traumorte zum Biken steht. Als ich ankam, erzählte mir eine mitreisende Mountainbikerin, dass ein Freund von ihr alle zwei Jahre aus den Niederlanden wegen der fantastischen Trails hierher fliegt. Was ich hörte, klang nach dem genauen Gegenteil meiner Hometrails im matschigen Schottland, und ich begann, mir Sorgen zu machen. Würde dieser Trip mir das Biken zu Hause versauen? Würde ich mir von jetzt an immer wieder sagen müssen „Netter Trail, aber kein Vergleich zu Sedona“? Würde ich mit Basejumpen anfangen müssen, um diese Art von Thrill zu erreichen? Das musste ich unbedingt herausfinden.

Mein Tag begann in Edinburgh am Flughafen, wo ich in den ersten Flieger nach Heathrow stieg und dann weiterflog nach Phoenix, einem Ort, der bisher auf meiner Reiseliste nicht gerade ganz oben stand. Durch das Wunder der Luftfahrt wurde ich um ein Drittel der Erde herum transportiert, war 14 h und 10 min unterwegs und kam dennoch nur 5 h und 10 min nach meinem Abflug in Edinburgh an. Zeitverschiebung ist einfach zu viel für mein Hirn, das ist wie eine verschlafene Zeitschleife mit zweifelhaftem Catering. Nur mit meinem Pass bewaffnet stolperte ich in Richtung US-Zoll und stellte mich ans Ende der ewig langen Schlange, dann holte ich mein Gepäck und stellte mich in die nächste Schlange, um die Eingangshalle zu verlassen – ganz offensichtlich haben die Briten eben doch nicht das Monopol aufs In-der-Schlange-Stehen.

Vor Antritt der Reise hatte ich mir die Wettervorhersage angesehen und hoffte, eine sanfte Wärme von 18–20 °C vorzufinden – die ideale Temperatur zum Mountainbiken, besonders für Europäer, die wie ich direkt aus der Endphase eines kalten Herbstes kamen. Aber als ich um 19 Uhr den Flughafen von Phoenix verließ und direkt gegen eine 30-Grad-Hitzewand lief, wurde mir schlagartig klar, dass ich falsch gepackt hatte. Mein ohnehin schon verwegen aussehendes Haar kräuselte sich in der Hitze und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als mein an den schottischen Winter angepasstes Schuhwerk gegen etwas Luftigeres zu tauschen.

„Wir fuhren aus der Stadt heraus, vorbei an Saguaro-Kakteen (die aus den Lucky-Luke-Comics) und hinauf in Richtung der berühmten roten Felsen von Sedona.“

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, um die wahren Freuden eines amerikanischen Frühstücks zu kennenzulernen – diese Leute wissen, was man mit Ahornsirup anstellt! –, bevor ich in den Shuttlebus nach Sedona stieg. Wir fuhren aus der Stadt heraus, vorbei an Saguaro-Kakteen (die aus den Lucky-Luke-Comics) und hinauf in Richtung der berühmten roten Felsen von Sedona. Je höher wir kamen, desto angenehmer wurde die Temperatur, und die Europäerinnen unter uns atmeten auf – vielleicht würden wir doch nicht an einem Hitzschlag sterben. Nach einer Stunde legten wir eine Pinkelpause an einer Tankstelle ein. Die Fahrgäste strömten auf den Gehweg und hinein in die angenehm klimatisierte Luft der Tanke, und dann vollzog sich eine beachtliche Verwandlung. Erwachsene Frauen aus allen Ecken der Erde wurden plötzlich zu Kindern im Süßwarenladen, wir griffen gierig nach ausländischen Leckereien, die wir nur aus den Simpsons oder „Stranger Things“ kannten: Twizzlers, Yum Yums, Peanut Butter Cups und ein ganzes Regal voll Beef Jerky! Es war wie in dem Film „Big“ mit dem unglaublich jungen Tom Hanks, wir waren in Erwachsenenkörpern gefangene Kinder und machten Fotos von endlosen Reihen an Süßigkeiten und Kühltruhen voller Sunny D. Zurück im Bus bewunderten wir in dieser Mischung aus Aufgedrehtheit und Ehrfurcht, die einem nur ein Zuckerrausch bescheren kann, die mächtigen Felsen aus rostrotem Sandstein. Wir sahen den Bell Rock, den Cathedral Rock und den Snoopy Rock … na ja, den Snoopy Rock nur so ein bisschen, man musste schon die Augen zusammenkneifen.

Wir kamen in der Stadt an und fühlten uns wie ein Trupp Pioniere. Niedrige Gebäude, deren Farbgebung sich in den umgebenden Fels einfügte, säumten die Hauptstraße. Bei dem Schild „Welcome to Sedona, established 1902“ mussten wir ein bisschen lachen – da waren ja die Häuser, in denen manche von uns lebten, älter … Wir hatten noch den Nachmittag Zeit, bevor wir die neuen Liv Hail-Endurobikes in die Finger kriegen würden, also brachten wir unser Zeug ins Hotel und zogen los in die Stadt, um die Lage zu sondieren. Es war der 8. November 2016, der Tag der wohl meistdiskutierten Präsidentschaftswahl aller Zeiten, über deren Ausgang alle, von globalen Medien bis zu Strickgruppen, seit Wochen debattiert hatten. Doch hier, in diesem staubigen Urlaubsort, fanden wir kaum Hinweise, dass heute irgendwas Wichtiges passieren würde. Das Leben ging ganz normal weiter, während der Countdown zu einer der größten Entscheidungen der Dekade runterzählte.

Als wir am Morgen nach der Wahl in der „schönen neuen Welt“ aufwachten, holten wir unsere Bikes ab und passten sie mit Unterstützung der Mechaniker von Liv an unsere persönlichen Vorlieben an. Wir stiegen in den Landrover und lehnten uns aus den Fenstern, mit der Kamera in der Hand, um die Landschaft zu bestaunen. Man muss das selbst gesehen haben, um zu begreifen, dass es einen solchen Ort wirklich gibt. Denn er erscheint wie eine außerirdische Welt. Wären die Anzeichen menschlichen Lebens nicht gewesen, hätte ich mir vorstellen können, auf einem anderen Planeten zu sein. Die versengte Erde und der heiße Wind verwandeln hier alles Leben in Zunder.

„Wären die Anzeichen menschlichen Lebens nicht gewesen, hätte ich mir vorstellen können, auf einem anderen Planeten zu sein. Die versengte Erde und der heiße Wind verwandeln hier alles Leben in Zunder.“

Nach den obligatorischen High Fives und den – in den USA ebenso obligatorischen – „Whooop“-Rufen stürzten wir uns in den Trail und in die staubigen Kurven und sahen die Staubfahnen von den Rädern vor uns aufsteigen. Kurze, verblockte Steigungen sorgten dafür, dass uns nicht langweilig wurde, und wir testeten schon mal, wie viel Grip der glatte Stein bot, mit dem der Trail hier gepflastert war. Bergauf reichte der Grip definitiv, also würde es auch bei der Abfahrt keine Probleme geben und so flowten wir weiter durch die Wüstenlandschaft.

Irgendwann hielten wir an und warteten auf den Rest der Gruppe, als wir die vorsichtige Frage hörten: „Hat irgendwer vielleicht eine Pinzette dabei?“ Wir drehten uns um, und sahen eine von uns von Kaktusdornen durchbohrt, blutend und – zum Glück – lachend. Unsere Guides, erfahrene Wüstenbiker, holten Pinzetten aus ihren Rucksäcken und entfernten die 2 cm langen Dornen aus dem Schienbein unserer Gefährtin. Wir zollten ihr den angemessenen Respekt für die kleinen blutenden Rinnsale und zogen unsere Socken so hoch, wie es nur ging, um möglichst viel Bein zu schützen.

So gewappnet fuhren wir am Rande eines gigantischen Beckens entlang, aus jeder Richtung wurde die Hitze auf uns zurückgeworfen. Der schräge Felshang führte uns immer weiter aufwärts und eröffnete einen Wahnsinnsblick: unter uns lag ein Kakteenwald, vor uns eine atemberaubende Landschaft. Der Trail wand sich aufwärts, dann abwärts, in Richtung des entfernten Talgrunds. Wir folgten einem Schild mit der Unheil verheißenden Aufschrift „Canyon of Fools“, von der wir uns ganz eindeutig angesprochen fühlten. Denn auf wen würde das besser passen als auf eine Horde Mountainbiker, die in der Wüste unterwegs sind? Als wir in den Canyon einfuhren, entdeckten wir einen schmalen, sich windenden Kanal im Sandstein, eine natürliche Rodelpiste aus reifenfreundlichem, grippigem Untergrund, mit einladenden Wallrides an jeder der weit geschwungenen Kurven. Wir fuhren durch die Rinne wie auf Schienen, lehnten uns tiefer und tiefer in die riesigen Anlieger und vertrauten dabei der Stabilität unserer Reifen immer mehr, bevor uns schließlich ein letzter Anlieger auf den Grund des Tals entließ, wo Freudengeschrei vom Trail aus zu hören war.

Sedona ist wie nichts, was ich je zuvor gesehen habe – aber ich will auf jeden Fall wieder hin! Die Trails waren kaum frequentiert und die Wanderer, die wir an diesem amerikanischsten aller Orte trafen, waren freundlich und aufgeschlossen gegenüber Bikern. In den gewaltigen Felsen verbergen sich geniale Trails, die man am besten mit Guides fahren sollte. Sie sorgen dafür, dass ihr eine gute Zeit habt, egal auf welchem Niveau ihr fahrt. Schreibt diesen Ort auf eure Wunschliste, ihr werdet es nicht bereuen!

Das Bike

In Sedona fuhr ich das Hail Advanced 0, das neueste Bike der frauenspezifischen Marke Liv. Liv hat diese Bikes ganz für die Bedürfnisse weiblicher Fahrer konstruiert, um das Beste für Frauen rauszuholen, egal wie groß sie sind. Das Endurobike besitzt 160 mm Federweg vorne und hinten. Das Fahrwerk besteht aus einer RockShox Lyrik-Federgabel und dem RockShox Deluxe RT3-Dämpfer und kann es mit allem aufnehmen, was Sedona zu bieten hat. Eine begehrte Ausstattung rundet das Liv Hail Advanced 0 ab, mit am Start sind die SRAM XO1 Eagle und die SRAM Guide Ultimate-Bremsen mit massig Bremspower.

Liv Hail Advanced 0 | 160mm/160mm | 6.999 €

Mehr über das Bike erfahrt ihr in unserem Liv Hail Advanced 0 First Look-Artikel.

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Text: Catherine Worsey Fotos: Sterling Lorence und Catherine Worsey