Michelin ist der zweitgrößte Reifenhersteller der Welt, Fahrradreifen machen aber nur einen winzigen Teil aus. Dennoch zeigt das 1889 gegründete Traditionsunternehmen zunehmend Präsenz in der MTB-Szene – nicht zuletzt als aktueller Hauptpartner der Whoop UCI Mountain Bike World Series. Was die Reifen der Franzosen taugen, haben wir für euch herausgefunden.

Mit den Serien Access Line, Performance Line, Competition Line und Racing Line deckt Michelin ein breites Einsatzspektrum ab – vom Alltagsrad über ambitionierte Hobby-Nutzung bis hin zum professionellen Renneinsatz. Für Trail- und Enduro-Fans sind vor allem die Modelle der Competition und Racing Line interessant. Besonders im Fokus: die neu aufgelegten Wild Enduro Racing Line-Reifen, die 2024 frisch überarbeitet wurden. Was sie und die anderen Modelle können? Hier erfahrt ihr es!

Modell Gewicht Preis
DH22 Racing Line
Mixed Soft
29 x 2,40
1.344 g 71,50 €
DH16 Racing Line
Hard Pack Mixed
29 x 2,40
1.370 g 71,00 €
Wild Enduro MS RacingLine
Magi-X
29 x 2,40
1.210 g 73,50 €
Wild Enduro MH Racing Line
Magi-X
29 x 2,50
1.229 g 76,00 €
Wild Enduro Rear Racing Line
Gum-X3D
29 x 2,40
1.183 g 71,88 €
Wild Enduro Rear Competition Line
29 x 2,40
1.220 g 67,47 €
Wild Enduro Front Competition Line
Magi-X2
29 x 2,40
1.047 g 67,71 €
Wild Enduro Front Competition Line
GUM-X3D
29 x 2,40
1.049 g 63,43 €

Die Karkassen im Überblick

Bei Michelin kommen je nach Einsatzbereich verschiedene Karkassen zum Einsatz. So frei wähl- und kombinierbar wie z. B. bei Schwalbe oder MAXXIS sind diese allerdings nicht, denn die Karkasse ist mit dem Einsatzzweck des Reifenmodells verschmolzen und damit nicht mit jedem Profil oder jeder Gummimischung kombinierbar.
Die Reifen von Michelin setzen – je nach vorgesehenem Einsatzzweck – auf Karkassen mit den Bezeichnungen „Race Shield”, „Cross Shield”, „Trail Shield” oder „Gravity Shield”. Lediglich die Reifen der Racing Line haben eigene Karkassenaufbauten, die nicht speziell benannt werden. Sie werden einfach als Enduro- und Downhill Racing-Line bezeichnet.

Race Shield

Die Race Shield-Karkasse ist eine einlagige Konstruktion mit einer Gewebedichte von 150 TPI. Die hohe Zahl verrät, dass es sich hierbei um eine besonders leichte und flexible Konstruktion handelt, die gute Rolleigenschaften fokussiert und daher für XC-Race-Einsätze vorgesehen ist.

Cross Shield

Ebenfalls für den XC-Einsatz, jedoch etwas robuster als das Race Shield gestaltet, ist bei Michelin die Karkassenkonstruktion namens Cross Shield. Der einlagige 110-TPI-Aufbau soll mit einem guten Kompromiss aus Haltbarkeit und Gewicht punkten.

Trail Shield

Für den Einsatzbereich Trail und All-Mountain optimierte einlagige 60-TPI-Karkassenkonstruktion, die zusätzlich von einem dünnen, umlaufenden Pannenschutzgewebe verstärkt wird. Einsatz findet die Trail Shield-Karkasse bei den All-Mountain- und Trail-Modellen mit der AM-Bezeichnung im Michelin-Portfolio.

Gravity Shield

Bei Gravity Shield handelt es sich um eine doppellagige Konstruktion, bei der Lagen mit 33 TPI und solche mit 60 TPI Gewebedichte kombiniert werden, um den Reifen damit vor den harten Umständen im Enduro-Einsatz zu wappnen. Dabei sollen die Lagen mit 60 TPI den Reifen widerstandsfähig gegenüber Schnitten und Durchstichen machen, während die gröberen 33-TPI-Lagen Steifigkeit und Stabilität gewährleisten sollen. Die Gravity Shield-Karkasse wird bei allen Race Enduro-Reifen der Competition Line eingesetzt.
Im Labortest erzielt das Gravity Shield gute Werte beim weniger relevanten Durchstich mit dem 1,5-mm-Stumpf. Beim Durchstich mit dem 5-mm-Meißel und beim Durchschlag zeigen sich jedoch klare Schwächen. In der gewichteten Pannenschutz-Gesamtwertung bildet diese Karkasse – je nach Reifen – das Schlusslicht im Testfeld, gehört aber auch zu den leichtesten Reifen im Test.

Enduro Racing Line

Gegenüber der Vorgängerversion mit Downhill Shield-Karkasse wurde für die 2024 neu aufgelegten Wild Enduro Racing Line-Reifen eine doppellagige 55-TPI-Karkasse entwickelt, die bei vergleichbarer Robustheit leichter sein und zudem besser rollen soll. Für den Pannenschutz wurde eine Schutzlage von Wulst zu Wulst sowie eine zusätzliche Schutzlage unter der Lauffläche eingearbeitet. Im Labortest zeigt sich diese Karkassenkonstruktion als deutlich widerstandsfähiger als die in der Competition Line eingesetzte Gravity Shield-Karkasse – zumindest beim Durchschlag. Der Schutz gegen Durchstiche ist im Vergleich zum Testfeld unterdurchschnittlich, wenn auch mit passablen Werten beim Seitenwandschutz.

Downhill Racing Line

Die Karkassenkonstruktion der DH-Reifen aus der Racing Line kombiniert eine 120-TPI- mit einer 55-TPI-Lage. Wie beim Wild Enduro der Racing Line gibt es eine Schutzlage von Wulst zu Wulst sowie eine zusätzliche Schutzlage auf der Lauffläche. Der Labortest bescheinigt der Karkasse ein gutes Ergebnis beim Durchschlag, mit gutem Schutz gegen Eindringen an der Seitenwand. Schwach fällt allerdings der Wert bei der Durchstichresistenz an der Lauffläche aus. Das macht die DH-Karkasse der Racing Line – verglichen mit anderen DH-Karkassen – zu einer der weniger robusten Optionen für den kompromisslosen Einsatz.

END 064 VT Grafen Pannenschutz GER5

Die Gummimischungen im Überblick

Michelin unterscheidet im MTB-Bereich zwei Gummimischungsfamilien namens Gum-X und Magi-X. Grundlegend weisen die Gummimischungen der Magi-X-Familie bessere Grip-Eigenschaften auf, während Gummimischungen der Gum-X-Familie mit niedrigerem Rollwiderstand und mehr Haltbarkeit punkten sollen. Innerhalb beider Familien gibt es bis zu drei Arten von Gummimischungen: Einfach-, Zweifach- und Dreifach-Mischungen. Um welche Art es sich handelt, wird über den jeweiligen Zahlenzusatz am Ende der Bezeichnung symbolisiert.

Gum-X-Gummimischungen

Reifen mit Gum-X-Technologie gibt es als Einfach-Mischung (Gum-X), Zweifach-Mischung (Gum-X2D) und als Dreifach-Mischung (Gum-X3D).

Gum-X

Die Gum-X-Gummimischung ist eine Einfach-Mischung, die nur in Reifen der Performance- und Access Line-Reihe Verwendung findet.

Gum-X2D

Im Vergleich zum Gum-X soll die Gum-X2D-Mischung mehr Grip bei geringerem Rollwiderstand erzeugen. Sie werden sowohl bei Reifen der Performance Line als auch bei Reifen der Competition Line eingesetzt.

Gum-X3D

Der Triple Compound Gum-X3D basiert auf einer Basis-Gummimischung, die von unterschiedlich harten Mittel- und Seitenstollen überzogen ist. Die Mittelstollen dienen der Traktion, während die Außenstollen viel Grip gewährleisten sollen.
Gum-X3D soll nochmals mehr Grip als Gum-X2D aufweisen bei etwas schlechteren Rolleigenschaften, die vergleichbar zu Gum-X sein sollen. Der Rollwiderstand ist in Verbindung mit der Gravity Shield-Karkasse sehr gering, was sie zu unserer Empfehlung am Hinterrad macht. Die Gum-X3D-Mischung ist den Reifen der Competition Line vorbehalten.

Magi-X-Gummimischungen

Bei der Magi-X-Gummimischung handelt es sich um einen speziell für Enduro-Vorderreifen entwickelten Compound. Reifen mit Magi-X-Technologie gibt es als Einfach- (Magi-X) und als Zweifach-Mischung (Magi-X²).

Magi-X

Die Magi-X-Mischung soll Grip auf Niveau der Gum-X3D-Mischung bieten. Der Rollwiderstand ist jedoch gegenüber Reifen mit Gum-X-Technologie deutlich erhöht.

Magi-X²

Maximaler Grip im Michelin-Portfolio bei etwas besseren Rolleigenschaften als die Einfach-Mischung Magi-X – das soll die Zweifach-Mischung Magi-X² auszeichnen. Dennoch erzeugt sie 16 Watt mehr Rollwiderstand bei gleichem Profil und Karkasse gegenüber dem Gum-X3D-Compound und ist daher vor allem am Vorderrad sinnvoll, wo sie uns mit viel Grip und guter Dämpfung überzeugt hat.

END 064 VT Grafen Rollwiederstand GER5

Die Profile im Überblick

Michelin unterteilt seine Modelle für den Enduro-Einsatz in Competition Line- und Racing Line-Reifen. Racing Line-Reifen sind dem Namen entsprechend für den besonders anspruchsvollen Einsatz vorgesehen. Optisch lassen sich die beiden Modelllinien gut unterscheiden. Bei der Competition Line setzt Michelin auf eine klassisch weiße Reifenschrift, während die Racing Line an der wahlweise blau-gelben oder dunkelgrauen Beschriftung auf der Seitenwand inklusive Rennflagge erkenntlich ist.

Competition Line-Reifen

Wild Enduro Front

Riesige Seitenstollen sind das Erkennungsmerkmal des Wild Enduro Front. Bei ihm dreht sich alles um Grip. Wie alle Wild Enduro-Reifen der Competition Line kommt am Wild Enduro Front die Gravity Shield-Karkasse zum Einsatz. Bei der Gummimischung kann zwischen der Dreifach-Mischung Gum-X3D und der Zweifach-Mischung Magi-X² gewählt werden. Beide Varianten sind sowohl mit 27,5” als auch 29” Durchmesser in 2,4” Breite verfügbar. Die Variante mit Gum-X3D kann in der 27,5“-Größe außerdem in den Breiten 2,6” und 2,8” geordert werden.

Beim Fahreindruck überzeugt uns der Wild Enduro Front mit der weichen Magi-X²-Gummimischung mit einem sehr guten Dämpfungs- und Grip-Verhalten. Am Vorderrad geht es mit dem Wild Enduro Front immer kontrolliert und exakt auf der angepeilten Linie zur Sache. Für den Einsatz am Vorderrad präferieren wir diese Variante gegenüber der Gum-X3D-Mischung.

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Wild Enduro Rear

Der Wild Enduro Rear ähnelt dem Wild Enduro Front sehr, bei ihm sind die Profilblöcke jedoch etwas flacher gestaltet. Überraschenderweise rollt der Wild Enduro Rear der Competition Line – zumindest auf dem Prüfstand – trotzdem schlechter als sein Pendant mit derselben Gum-X3D-Gummimischung fürs Vorderrad. Der Wild Enduro Rear ist außerdem schwerer als der Wild Enduro Front, was ihm jedoch ein besseres Pannenschutzergebnis beschert. Gerade bei der Verwendung am Hinterrad ist ein höherer Pannenschutz von Vorteil.

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Racing Line-Reifen

Wild Enduro MH Racing Line

MH steht für „Mixed Hard” und das soll Programm sein: Der Wild Enduro MH soll für maximale Geschwindigkeit auf hartem und gemischtem Terrain optimiert sein. 47 Watt bei der Rollwiderstandsmessung sind jedoch vergleichsweise viel. Grund dafür wird vermutlich die auf Grip optimierte Magi-X Einfach-Gummimischung sein. Diese sorgt auf der anderen Seite jedoch für hervorragende Fahreigenschaften bergab. Der Wild Enduro MH Racing Line überzeugt in der Abfahrt mit einer sehr guten Dämpfung. Karkasse und Gummimischung erzeugen einen langsamen Rebound, wodurch man gut am Boden klebt und mit einem ruhigen Fahrverhalten belohnt wird. Der Reifen ist in den gängigen Laufradgrößen 29” und 27,5” erhältlich.

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Wild Enduro MS Racing Line

Das Gegenstück zum „MH”-Reifen der Racing Line ist der „MS” für „Mixed Soft”. Der soll auch unter gemischten Bedingungen funktionieren, aber besser für den Einsatz auf weichen, lockeren Böden optimiert sein. Entgegen der Erwartung rollt der Wild Enduro MS auf dem Prüfstand besser als der MH. Der Reifen ist, neben der für die Racing Line typischen Farbauswahl, sowohl mit 29” als auch 27,5” Größe erhältlich. Auch beim Wild Enduro MS fallen die Dämpfungseigenschaften auf dem Trail positiv auf. Nur im direkten Vergleich mit Reifen anderer Hersteller mit demselben Einsatzzweck konnte der Wild Enduro MS für uns nicht ganz mithalten – auch nicht gegen den internen Konkurrenten DH22.

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Wild Enduro Rear Racing Line

Wer einen Hinterradreifen für den Renneinsatz mit mehr Effizienz sucht, wird beim Wild Enduro Rear der Racing Line fündig. Mit 30,2 W liegt der Rollwiderstand deutlich niedriger als beim MS und MH aus der Racing Line und auch niedriger als beim Wild Enduro Rear der Competition Line. Nur der Wild Enduro Front der Competition Line rollt noch besser, weist allerdings auch deutlich weniger Pannensicherheit auf. Doch es gibt ein großes Manko, zumindest für alle Besitzer von Mullet-Bikes: Ausgerechnet den Hinterreifen gibt es ausschließlich für 29”-Laufräder.

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DH16 Racing Line

Der DH16 ist für harte bis gemischte Untergründe konzipiert und hätte daher auch den Namen „DH MH” tragen können. Mit den subjektiv besten Dämpfungseigenschaften im Test hat der Michelin DH 16 Racing Line uns mit seiner Magi-X-Gummimischung beeindruckt. Der langsame Rebound lässt euch förmlich am Boden kleben. Auch die Bremstraktion ist erstklassig. Dadurch hat sich der Michelin DH16 als einer unserer Favoriten im Hardpack-Reifen-Segment herausgestellt. Bezahlen muss man die Performance mit einem für Downhill-Reifen typisch hohen Gewicht und einem relativ hohen Rollwiderstand.

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DH22 Racing Line

Der DH22 ist quasi das Downhill-Äquivalent zum Wild Enduro MS: Er soll bei gemischten und losen Streckenbedingungen überzeugen und nutzt ebenfalls die auf Grip ausgelegte Einfach-Gummimischung Magi-X.
Auch wenn der Name des Michelin DH22 seinen Einsatzbereich eher im harten Downhill-Einsatz vermuten lässt, eignet sich der Reifen auch hervorragend am potenten Enduro-Bike, vor allem am Vorderrad. Wer zusätzliches Gewicht und mehr Rollwiderstand in Kauf nehmen kann, findet mit dem DH22 eine noch griffigere Alternative zum Wild Enduro MS Racing Line. Wenn es noch stärker in Richtung lose Böden und Matsch gehen soll, hat Michelin außerdem den DH MUD-Reifen im Portfolio, der jedoch nicht Bestandteil unseres Tests war und sich eher mit den Wettbewerbern aus unserem Matschreifentest messen muss.

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Unsere Empfehlung

Enduro – Allround (v/h): Wild Enduro MS Racing Line/Wild Enduro Rear Racing Line

Trail – leicht rollend (v/h): Wild Enduro Front Competition Line Magi-X²/Wild Enduro Rear Racing Line


Alle weiteren Informationen findet ihr auf der Website von Michelin.

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Text: Lars Engmann Fotos: Peter Walker